Thema des Tages

30-07-2026 13:20


Wissenschaft kompakt

Was ist eine Fallböe?



Aktuell zieht eine ?Sturmfront? auf Deutschland zu. Im Norden bilden
sich auch Gewitter, an denen Orkanböen möglich sind. Diese können
unter anderem durch sogenannte Fallböen entstehen. Doch wie entstehen
Fallböen?



Aktuell sorgt eine sehr ungewöhnliche Wetterlage für erhöhte
Unwettergefahr. Besonders im Norden Deutschlands können sich kräftige
Gewitter entwickeln, die sogar Orkanböen hervorbringen können. Solche
extremen Windböen werden häufig vorschnell als "Windhose" oder
Tornado bezeichnet. Tatsächlich steckt jedoch oft ein anderes
Phänomen dahinter: die sogenannte Fallböe oder auch der Downburst.
Obwohl Fallböen ähnlich verheerende Schäden verursachen können wie
Tornados, sind sie in der Öffentlichkeit deutlich weniger bekannt.
Wie entstehen Fallböen und worin unterscheiden sie sich von Tornados?

Beide Phänomene treten meist im Zusammenhang mit kräftigen Gewittern
auf. Besonders heftige Fallböen entstehen ? ebenso wie viele starke
Tornados ? häufig an rotierenden Gewitterzellen, den sogenannten
Superzellen. Physikalisch unterscheiden sich beide Erscheinungen
jedoch grundlegend. Tornados sind stark rotierende Luftwirbel mit
einer nahezu vertikalen Drehachse, die sich aus einer Schauer- oder
Gewitterwolke entwickeln und Bodenkontakt haben. Häufig ist dabei ein
von der Wolke bis zum Boden reichender rotierender Wolkentrichter
sichtbar. Downbursts oder Fallböen entstehen dagegen durch einen sehr
starken Abwind. Kühlt sich die Luft innerhalb des Gewitters stark
genug ab, wird sie dichter und damit schwerer als ihre Umgebung. Sie
beschleunigt nach unten, trifft auf den Boden und breitet sich
anschließend fächerförmig in alle Richtungen aus. Dabei können
Windgeschwindigkeiten von weit über 200 km/h erreicht werden.
Doch wodurch wird die Luft überhaupt so stark abgekühlt? In kräftigen
Gewittern bilden sich in den oberen Wolkenschichten häufig größere
Hagelkörner. Erreichen sie eine bestimmte Größe, kann der Aufwind sie
nicht länger in der Schwebe halten und sie beginnen zu fallen. Dabei
gelangen sie in tiefere und wärmere Luftschichten und schmelzen.
Gleichzeitig fallen Regentropfen häufig in trockenere Luft, wo ein
Teil des Niederschlags verdunstet. Sowohl das Schmelzen des Hagels
als auch die Verdunstung der Regentropfen entziehen der Umgebungsluft
Wärme. Dadurch kühlt sie sich ab, wird dichter und sinkt immer
schneller zum Boden. Bei der heutigen Wetterlage spielt vor allem die
Verdunstung des Regens in den trockenen Luftschichten unterhalb der
Gewitterwolke die entscheidende Rolle. Hagel wird dabei kaum
erwartet.
Warum die Verdunstungskühlung heute besonders effektiv ist und damit
das Potenzial für Fallböen erhöht, zeigt die folgende Abbildung. Sie
stellt einen simulierten Radiosondenaufstieg für Norddeutschland in
einem sogenannten Skew-T-log-p-Diagramm dar. Auf der y-Achse ist der
Luftdruck aufgetragen, der mit zunehmender Höhe abnimmt und daher als
Vertikalkoordinate dient. Die x-Achse zeigt die Temperatur, ist
jedoch schräg angeordnet. Die rote Kurve stellt den Temperaturverlauf
der Atmosphäre dar, die grüne Kurve den Taupunkt. Die
Taupunkttemperatur gibt an, auf welche Temperatur ein Luftpaket bei
unverändertem Wasserdampfgehalt abgekühlt werden müsste, damit
Sättigung erreicht wird. Sie ist damit ein Maß für den Feuchtegehalt
der Luft.
Liegen Temperatur und Taupunkt dicht beieinander, ist die relative
Luftfeuchtigkeit hoch. Im vorliegenden Fall trifft dies oberhalb von
etwa 600 hPa zu. Dort befindet sich der weitgehend gesättigte Bereich
der Gewitterwolke. Darunter nimmt der Abstand zwischen Temperatur-
und Taupunktkurve, der sogenannte Spread, deutlich zu. Dies weist auf
eine wesentlich trockenere Luftschicht hin. Fällt Niederschlag aus
der Gewitterwolke in diese trockene Luft, verdunstet er besonders
effizient. Die dabei benötigte Energie wird der Umgebungsluft
entzogen, wodurch diese zusätzlich abkühlt. Die Luft wird dadurch
dichter und sinkt mit zunehmender Geschwindigkeit zum Boden ab, was
die Entstehung kräftiger Fallböen begünstigt.
Meteorologen bezeichnen ein solches Temperatur- und Feuchteprofil als
inverses V, da Temperatur- und Taupunktkurve im unteren Teil des
Diagramms die Form eines umgedrehten "V" bilden. Ein derart
ausgeprägtes inverses V ist für mitteleuropäische Verhältnisse
vergleichsweise selten und stellt daher ein deutliches Indiz für ein
erhöhtes Downburstpotenzial dar.
Aus größerer Entfernung wirkt dieser beschleunigte Abwind häufig wie
ein aus der Gewitterwolke herabhängender Niederschlagsschacht (siehe
Abbildung). Trifft die kalte Luft auf den Boden, breitet sie sich
explosionsartig nach allen Seiten aus. Die stärksten Windböen treten
dabei meist am Rand dieses ausströmenden Kaltluftkörpers auf. Aus
unmittelbarer Nähe erscheint ein Downburst häufig als rasch
heranziehende "weiße Wand" aus Starkregen.
Das Schadenspotenzial von Fallböen kann dem von Tornados durchaus
ebenbürtig sein. Während Tornados ihre Schäden meist entlang einer
vergleichsweise schmalen Zugbahn verursachen, können Downbursts durch
ihre fächerförmige Ausbreitung deutlich größere Flächen erfassen.
Entsprechend können auch die verursachten Schäden regional erheblich
sein.


Dipl. Met. Christian Herold

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale
Offenbach, den 30.07.2026

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