DWD Synoptische Übersicht Kurzfrist

03-06-2026 17:30
SXEU31 DWAV 031800

S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T K U R Z F R I S T
ausgegeben am Mittwoch, den 03.06.2026 um 18 UTC


SCHLAGZEILE:
Am Donnerstag dynamische Trogvorderseite mit markanter Scherung bei nur wenig
Cape ("low Cape, high Shear"); dabei kräftige Gewitter mit vereinzeltem
Unwetterpotenzial aufgrund von Böen > 100 km/h bzw. kurzlebigen Tornados.

Synoptische Entwicklung bis Freitag 06 UTC
----------------------------------------------------------------
Aktuell ... befindet sich vor allem die Osthälfte Deutschlands noch im
Einflussbereich eines aufgrund eines Abtropfprozesses über der Adria zunehmend
an Kontur verlierenden flachen Kurzwellentroges, der sich in den kommenden
Stunden aber als nur noch kurzwelliger Troganteil Richtung Polen und Schweden
verabschiedet. Rückseitig einer inzwischen über Polen angelangten Kaltfront
haben sich somit bei labiler Schichtung, mal abgesehen von der Osthälfte, wo es
im Frontbereich noch leichte skalige Regenfälle gab (die Front weist
Anafrontcharakter auf, soll heißen: Die Niederschläge finden hauptsächlich auf
deren Rückseite statt), verbreitet kurze Schauer, insbesondere im Nordwesten
sowie südlich der Donau (in Regionen mit mehreren 100 J/kg ML-Cape) auch
Gewitter entwickelt. Mit Annäherung eines flachen kurzwelligen Rückens und mit
Ausweitung eines Azorenhochkeils nach West- und Südwestdeutschland setzt aber
aktuelle bereits eine deutliche Stabilisierung ein und die Schauer dürften sich
in den kommenden Stunden rasch abschwächen.

Diese Wetterberuhigung ist allerdings nur von sehr kurzer Dauer. Vor allem in
den westlichen Landesteilen fällt beim Blick Richtung Himmel die zunehmend
dichte hohe und mittelhohe Bewölkung auf, die sich über die sich auflösenden
Quellwolken schiebt, inzwischen setzt ganz im Westen bereits auch schon Regen
ein.
Dieser ist WLA auf der Vorderseite eines breiten Langwellentroges geschuldet,
der inzwischen die Britischen Inseln erreicht hat. Dieser wird zwar durch den
breiten Rücken über Ost- und Nordeuropa blockiert, weitet sich aber mit Vorstoß
eines Jetstreaks Richtung Frankreich und Benelux nach Osten aus. Auf dessen
Vorderseite stellt sich über dem Vorhersagegebiet im Laufe der Nacht somit eine
kräftige und diffluent konturierte südwestliche Höhenströmung ein.
Das mit dem Trog korrespondierende Bodentief "PEGGY" hat über dem Seegebiet
westlich der Hebriden inzwischen mit einem Kerndruck von etwa 980 hPa den
Höhepunkt seiner Entwicklung erreicht und zieht im Laufe der Nacht über den
Norden Schottlands Richtung Shetlands, wobei es sich zunächst kaum auffüllt.
Dessen Warmfront wird aktuell noch gestützt durch PVA und erweist sich als recht
wetteraktiv. Sie erreicht in den späteren Abendstunden mit Regenfällen meist
leichter Intensität im Vorfeld den äußersten Westen des Landes und kommt bei
fortschreitendem Okklusionsprozess rasch nordostwärts voran. Bereits im Laufe
der zweiten Nachthälfte überquert die Kaltfront des Nordwesten Deutschlands,
wird aber morgens mangels Schubkomponente deutlich eingebremst und gerät ins
Schleifen. Morgens reicht sie ungefähr von der Eifel über Nordhessen und das
südöstliche bzw. östliche Niedersachsen bis zur westlichen Ostsee.
Die Kaltfront wird dynamisch zunächst kaum gestützt, entsprechend fällt ihre
Wetterwirksamkeit nicht allzu markant aus. Gebietsweise treten schauerartige
Regenfälle mit Frontpassage auf, für Gewitter dürfte es mangels Labilität wohl
kaum reichen, wenngleich man diese nicht kategorisch ausschließen kann.
Bereits präfrontal verschärft sich der Gradient und der Wind frischt aus Südwest
auf, was sich aber zunächst nur in höheren Lagen mit einzelnen stürmischen Böen
auf exponierten Gipfeln, auf dem Brocken morgens
vielleicht sogar mit schweren Sturmböen bemerkbar macht.
Rückseitig der Front gelangt ein erster Schub Höhenkaltluft ins Nordseeumfeld,
so dass dort morgens die Schauertätigkeit beginnt aufzuleben. Ob es bereits für
erst6e Gewitter reicht, ist fraglich. Ähnliches gilt eventuell auch für den
äußersten Westen (Grenze zu Belgien und den Niederlanden). Allerdings frischt
der Wind über der Nordsee auf und es gibt dort ausgangs der Nacht steife Böen
aus Süd bis Südwest.
Im Osten und Süden klart es nachts vorübergehend gebietsweise sogar auf, ehe
später auch dort vermehrt Wolken aufziehen. Es bleibt dort aber trocken. Die
Minima liegen meist zwischen 14 und 9 Grad, im Süden kann es bei länger geringer
Bewölkung auch noch etwas frischer werden.

Donnerstag ... macht der Trog aufgrund der nach wie vor vorhandenen
Blockadewirkung des Höhenrückens über Osteuropa nur langsam nach Osten hin an
Boden gut und greift mit seiner Hauptachse bis zum Abend auf Benelux und
Frankreich über, wobei er eine leicht negative Achsneigung annimmt. Die
südwestliche Höhenströmung über dem Vorhersagegebiet steilt dabei ein wenig auf
und verschärft sich noch etwas, wobei in 300 hPa ein markanter Jetstreak im
Tagesverlauf über West- nach Norddeutschland vorstößt. Dieser sorgt für für
diese Jahreszeit relativ hohe Scherwerte, sowohl hochreichend (25 bis 30 m/s, im
Bereich der schleifenden Kaltfront bis über 35 m/s) als auch innerhalb der
unteren 1 bis 2 km (gebietsweise über 15 m/s).
Im Bodenfeld kommt die Kaltfront von "PEGGY", die nur langsam Richtung
Färöer-Inseln vorankommt, nach wie vor nur sehr langsam nach Osten voran und
neigt sogar zur Wellenbildung, dazu wird sie zunehmend von KLA überlaufen.
Dennoch gewinnt sie mit Annäherung des Troges und zunehmenden dynamischen
Hebungsantrieb von Südwesten her an Wetterwirksamkeit. Dabei ist noch unklar,
inwiefern und wo die Niederschläge eher skaliger Natur oder konvektiv durchsetzt
sind. Die von Südwesten her advehierte Luftmasse ist maritimer Natur (Großraum
Biskaya) und nur mäßig labil geschichtet, aber auch im Frontbereich durchaus mit
etwas Cape (mehrere 100 J/kg) ausgestattet. Entsprechend simuliert I-D2 im
Frontbereich neben schauerartigen Regenfällen im Tagesverlauf auch einzelne
Gewitter, allerdings setzen dann mit Annäherung einer flachen Welle im Südwesten
(BaWü bis nach Mittelfranken) am Nachmittag und Abend eher skalige Regenfälle
ein. Die Gewitter im Frontbereich dürften maximal markante Begleiterscheinungen
(Starkregen, stürmische Böen, vielleicht noch kleinkörniger Hagel) aufweisen.
Interessant gestaltet sich die Entwicklung postfrontal über dem Westen und
später auch Norden des Landes. Dort lockern die Wolken nach Frontpassage
vorübergehend auf, zudem nimmt die Labilität der Luftmasse mit Annäherung der
Höhenkaltluft (unter -20 Grad in 500 hPa, um +6 Grad in 850 hPa) weiter zu, dazu
befinden sich diese Regionen teilweise auch unterhalb des linken Jetausganges,
wodurch zusätzlicher dynamischer Hebungsantrieb generiert werden kann. Die
höchsten Scherwerte weist zwar der unmittelbare Frontbereich auf, dennoch sind
sowohl LLS als auch DLS auch postfrontal noch hoch genug für organisierte
Konvektion, zudem kleinere, teilweise auch orographisch getriggerte Störungen im
Bodenfeld kleinräumig zusätzlich noch erhöhte bodennahe Richtungsscherung
generieren können, die sich in den Prognosetemps hier und da in gekurfte
Hodografen niederschlägt.
Etwas limitierend für schwere (unwetterartige) Konvektion wirkt sich dagegen der
Energiegehalt der Luftmasse aus, abhängig davon, wo wieviel Cape durch
Einstrahlung generiert werden kann und ob diese günstig mit der Scherung
überlappt. Diesbezüglich bestehen noch größere Unsicherheiten und die Modelle
bieten von Lauf zu Lauf noch ziemlich voneinander abweichende Lösungen an.
Auffällig ist, dass die gestrigen I-D2-Läufe einzelne langlebige, eher flache
Superzellen simulierte, die in den aktuellen Läufen kaum mehr auftauchen, was
aber wiederum nichts heißen soll.
Im "günstigsten" Fall könnte eine Luftmasse mit mehr als 500 J/kg Cape
kleinräumig mit den hohen Scherwerten überlappen. Je nach Richtungsscherung und
Kondensationsniveau sind dann neben Bow Echos bzw. QLCS mit schweren Sturm- bis
Orkanböen auch kurzlebige Tornados möglich.
Aufgrund der nach wie vor vorhandenen großen Unsicherheiten, insbesondere, was
die Einstrahlung bzw. der daraus resultierende Energiegehalt der Luftmasse
angeht, wird zunächst auf die Ausgabe einer Vorabinformation verzichtet, in der
Hoffnung, dass in den morgigen Frühstunden mehr Klarheit herrscht. Die am
ehesten betroffene Region dürfte von NRW/Niedersachsen über Nordhessen bis nach
Sachsen/Anhalt, Vorpommern und Nordbrandenburg reichen.
Mit der Gradientverschärfung und dem Tagesgang nimmt übrigens auch abseits der
Schauer und Gewitter der Wind zu und es reicht im Westen und Norden in freien
Lagen für einzelne steife Böen aus Südwest, i9m Bergland für stürmische Böen und
in Gipfellagen für Sturmböen.
Bisher noch nicht angesprochen wurde der präfrontale Bereich im Südosten des
Landes (Teile Bayerns, Sachsens und auch die Lausitz). Auch dort ist die
Entwicklung noch mit Unsicherheiten behaftet. Meistens reicht die kaum
vorhandene Einstrahlung dort nur für 100 bis 300 J/kg Cape. Dennoch simulieren
ICON-D2 und SuperHD nachmittags und abends auch dort einzelne, meist als Linien
organisierte Gewitter mit überwiegend markanten Begleiterscheinungen, wobei der
Fokus auch dort auf Sturmböen liegt. Unklar ist noch, ob es im Alpenvorland -
dort setzt alpines Pumpen ein mit Ausbildung eines Lee-Tiefs - eventuell, auch,
wenn es die Modelle derzeit nicht so auf dem Plan haben, noch für kräftigere
Entwicklungen reicht. Sollte genügend Cape dort generiert werden können, sind
bei den Scherungsbedingungen auch Superzellen mit schweren Sturmböen und
größerem Hagel nicht ausgeschlossen. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist nach
aktuellem Stand der Dinge aber gering. Dafür dürfte es in den Abendstunden mit
Durchzug einer Druckwelle dort ebenfalls vorübergehend steife, vereinzelt auch
stürmische Böen aus West geben.
Während es in der Lausitz und im Südosten Bayerns - etwas Einstrahlung
vorausgesetzt - mit 23 bis 27 Grad noch einmal sommerlich warm wird, liegen die
Höchstwerte sonst meist zwischen 18 und 23 Grad.

In der Nacht zum Freitag zerfällt der Trog mehr und mehr in kurzwellige Anteile,
von denen einer die Nordhälfte rasch, ein weiterer den Süden langsam überquert
und ein dritter morgens auf den Westen übergreift. Die Kaltfront kann somit vor
allem über der Nordhälfte und der Mitte an Fahrt aufnehmen und auch den
Süden/Südosten langsam überqueren, schleift aber nach wie vor über den Alpen.
Die Gewitteraktivität dürfte sowohl prä-, als auch postfrontal allmählich in die
Knie gehen und zumindest in der zweiten Nachthälfte weitgehend der Vergangenheit
angehören.
Im Bereich der schleifenden Kaltfront dauern die Regenfälle dagegen vor allem in
der Lausitz sowie im Süden und Südosten Bayerns länger an. Eventuell reicht es
am Alpenrand sowie vom Osterzgebirge bis zum Zittauer Bergland für ein
Überschreiten der Warnschwellen für Stark- bzw. Dauerregen, zumindest deuten das
die probabilistischen Verfahren an.
Ansonsten stellt sich aber eine deutliche Wetterberuhigung ein. Für einzelne
Schauer reicht es in der zweiten nachthälfte am ehesten noch im Nordwesten, im
äußersten Westen sowie im Südwesten, sonst bleibt es meist trocken, örtlich kann
sich Nebel bilden. Auch der Wind schwächt sich rasch ab. Die Minima liegen meist
zwischen 14 und 8 Grad.

----------------------------------------------------------------

Synoptische Entwicklung bis Samstag 06 UTC

Freitag ... verbleibt das Vorhersagegebiet weiterhin im Einflussbereich des aber
nun zunehmend an Kontur verlierenden Höhentroges. Im Bodenfeld schiebt sich
allerdings von Frankreich her erneut ein Azorenhochkeil vor allem nach
Süddeutschland. Die Regenfälle an den Alpen und in der Lausitz klingen somit
morgens rasch ab.
Insgesamt bleibt die Luftmasse aber labil geschichtet (T850 hPa 5 bis 8 Grad,
T500 hPa -21 bis -18 Grad) und entsprechend entwickeln sich mit dem Tagesgang
und bei mit der Einstrahlung generierter Cape von etwa 50 bis 200 J/kg im
Tagesverlauf Schauer und auch einzelne Gewitter, wobei letztere kaum mehr
markante Begleiterscheinungen aufweisen dürften. Im Südwesten und Süden wirkt
der Hochkeil dämpfend, so dass es dort nur wenige Schauer und, ebenso wie an der
Nordsee, auch längere sonnige Abschnitte geben dürfte. Die Höchstwerte pendeln
sich - je nach Sonne - meist zwischen 17 und 22 Grad ein.

In der Nacht zum Samstag klingen die Schauer rasch wieder ab, teilweise klart es
auf und mit Minima zwischen 11 und 5 Grad steht eine recht frische Nacht ins
Haus.


Modellvergleich und -einschätzung
----------------------------------------------------------------
Die Unsicherheiten bzgl. der zu erwartenden Konvektion am morgigen Donnerstag
wurden im Text beschrieben - der generelle Fahrplan steht aber.


Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach
Dipl. Met. Jens Winninghoff