Thema des Tages
Aus trockenkalt wird nasskalt - Umstellung der Großwetterlage im Visier Mit dem heutigen Freitag ist bereits der zehnte Tag des Monats Februar erreicht, und nach wie vor dauert das kalte und frostige Winterwetter an. Schön werden die einen sagen, Sch... mögen die anderen fluchen - an den Fakten ändert das nichts. Stellt man eine kleine klimatologische Zwischenbilanz für diesen Monat auf, so dürfte es niemanden verwundern, dass es bei der Temperaturabweichung nur negative Zahlen gibt. Die Beträge dieser Werte beeindrucken aber schon gewaltig. Mit Ausnahme Norddeutschlands ist es bisher verbreitet mehr als 10 Grad zu kalt gegenüber dem langjährigen Mittelwert (Referenzperiode 1961-90), der sich allerdings auf den gesamten Monat Februar bezieht. Den absoluten Kältevogel hinsichtlich der Abweichung (Basis: DWD-Stationen) schießt das sächsische Deutschneudorf-Brüderwiese - in etwa 700 m Höhe im Erzgebirge an der Grenze zu Tschechien gelegen - ab, wo der Mittelwert (also Tag- und Nachttemperaturen) bei satten -16,2 Grad liegt, was einer Differenz von -14,3 Grad zum statistischen Soll entspricht. Noch kälter war es allerdings auf der Zugspitze mit -19,1 Grad (Abweichung -7,7 Grad), was in erster Näherung nicht zu verwundern scheint, liegt diese doch in rund 3000 m Seehöhe. Allerdings zeigt dieser Wert recht eindrucksvoll, dass es sich bei der seit Tagen wetterbestimmenden Luftmasse um eine so genannte hoch reichende Kaltluft handelt, wie sie für Hochrandlagen mit östlicher bis nordöstlicher Strömung typisch ist. Es gibt aber durchaus Fälle, wo sich das Hoch über Mitteleuropa etabliert und sich eine Temperaturinversion ausbildet. Das bedeutet nichts anderes, dass sich in den tiefen Lagen und in den Tälern zäh die Kaltluft hält, während weiter oben die Temperatur steigt und es somit in den Höhenlagen milder ist als unten, was sich natürlich auch den klimatologischen Zahlen widerspiegelt. Wie auch immer, die höchste Mitteltemperatur bietet derzeit die Insel Helgoland in der Deutschen Bucht mit -3,7 Grad (Abweichung -5,8 Grad), was angesichts der maritimen Exposition ebenfalls äußerst bemerkenswert ist. Kälter war es zwar am Kap Arkona auf Rügen mit -4,9 Grad, wo aber mit -5,1 Grad deutschlandweit die derzeit geringste Differenz zum langjährigen Mittel vorliegt. Übrigens, etwas ältere Mitbürger und Mitbürgerinnen mögen sich vielleicht weit zurück erinnern an das Jahr 1956, das vom Verlauf her große Ähnlichkeiten zu diesem Winter aufwies. Damals waren der Dezember (1955) und Januar ebenfalls ziemlich mild ausgefallen, bevor es Anfang Februar - übrigens damals auch mit 29 Tagen ausgestattet (Schaltjahr) - mächtig zur Sache ging. Fast den ganzen Monat herrschte zwischen hohem Luftdruck über Nord- und Nordosteuropa und tiefem Luftdruck im mediterranen Raum, also ähnlichen Verhältnissen wie jetzt, eine östliche bis nordöstliche Strömung vor, die für anhaltend frostiges Winterwetter sorgte. Am Ende stand in der Fläche eine Abweichung von sage und schreibe -10,0 Grad zu Buche, was legendär ist und die Spitzenposition in den Wetterchroniken nach 1881 einnimmt. Nicht wenige Kälterekorde (kälteste Nacht, kältester Tag) für den Monat Februar an diversen Wetterstationen resultieren aus dem Jahr 1956 und sind bis heute nicht getilgt. Da stellt sich natürlich unweigerlich die Frage, ob der Februar 2012 realistisch in der Lage ist, dem 56iger Februar den Rang abzulaufen. Nun, wenn jetzt der Cut käme, hätten wir es wohl geschafft - trotz Klimaveränderung, globale Erwärmung und, und, und. Allerdings haben wir noch gut 20 Tage vor der Brust, und die Computermodelle der diversen Wetterdienste lassen inzwischen keinen Zweifel mehr aufkommen, dass in der kommenden Woche eine nachhaltige Umstellung der Großwetterlage ins Haus steht. Kurz gesagt, Hoch DIETER geht im Laufe des Wochenendes ganz allmählich die Puste aus, während gleichzeitig Tiefdruckgebiete über Nordeuropa ihren Anspruch auf Einflussnahme auf das hiesige Wettergeschehen zunehmend ins Spiel bringen. Nach einem insgesamt ruhigen und frostigen Samstag macht sich am Sonntag zumindest im Norden und Nordwesten bereits der erste Tiefausläufer - Absender ist das Nordmeertief MAIKE - mit Schneefällen, stellenweise vielleicht auch etwas gefrierendem Sprühregen bemerkbar. Dazu kommt es zu einer leichten Frostabschwächung, ohne dass es aber gleich wirklich milder wird. Im Laufe der kommenden Woche positionieren sich die Hochs und Tiefs dann endgültig neu. Hoher Luftdruck - bisher eher in Nord- und Nordosteuropa zu finden - baut sich über dem nahen Ostatlantik vor Irland und Großbritannien auf. Gleichzeitig etablieren sich über Nordeuropa verschiedene Tiefdruckgebiete, von denen eines durchaus auch mal den Weg zu uns finden kann. Entscheidend aber ist die Tatsache, dass sich zwischen dem Hoch und den Tiefs eine nordwestliche Strömung einstellt, mit der maritime Polarluft nach Mitteleuropa respektive Deutschland gesteuert wird. Diese Luftmasse ist von ihrem Ursprung zwar ebenfalls kalt, erwärmt sich aber auf ihrem Weg über den Nordostatlantik bzw. die Nordsee und nimmt gleichzeitig noch reichlich Feuchtigkeit auf. Die Folge ist einerseits zwar eine Frostabschwächung, die im Nordwesten schneller und nachhaltiger abläuft als im Südosten. Allerdings bleibt das Temperaturniveau noch so niedrig, dass die wiederholten Niederschläge häufig als Schnee und nur teilweise als Regen fallen. Da die Böden deutschlandweit noch tief gefroren sind, besteht gerade zu Wochenanfang und nach Nordwesten hin die Gefahr von Glatteis. In den Bergen kann es - besonders im Nordweststau - zeitweise kräftig schneien, aber auch im Flachland wird es vielerorts weiß und so manchen Autofahrer möglicherweise zur Weiß-Glut bringen. Dazu gesellt sich wahrscheinlich am Dienstag und auch noch am Mittwoch ein lebhafter und böiger, teils stürmischer Nordwestwind. Also, die Weichen für atmosphärische Turbulenzen werden bereits im Laufe des Wochenendes gestellt. Die kommende Woche wird meteorologisch brisant und hochinteressant - auch wenn wir uns temperaturmäßig vom Rekordkurs entfernen. Dipl.-Met. Jens Hoffmann Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 10.02.2012 Copyright (c) Deutscher Wetterdienst
Quelle: DWD
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