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Superzyklonen d. Winters (2) : "Gero" 11.01.05

Geschrieben von: Wetterfuchs
Datum: 27. April 2005, 12:22 Uhr

Antwort auf: Superzyklonen d. Winters (1) : "Erwin" v. 08.01.05 (Wetterfuchs)

Im ersten Posting (21.04.05) über die 3 von mir definierten „Superzyklonen“ des letzten Winters habe ich den Fall „Erwin“ vom 08.01.05 geschildert. Nur 3 Tage später ereignete sich im Bereich Britische Inseln, Nordsee, Südskandinavien ein weiterer Fall eines „Rapid Development“, Ausdruck der damals anhaltend hochbaroklinen Großwetterlage. Dieser zweite Fall mit dem Namen „Gero“ war in seiner Intensität und Struktur sogar noch extremer als der Vorgänger „Erwin“. Allerdings lag die Zugbahn von „Gero“ etwas nördlicher als die von „Erwin“, so daß die zweite Orkanzyklone den deutschen Bereich nur wenig tangierte. Dafür wurde der Nordteil der Britischen Inseln umso härter getroffen mit Windgeschwindigkeiten, die in den Spitzenwerten den Schwellwert für Orkan (64 Knoten) nördlich von Schottland fast um das Doppelte übertrafen.

Wie im Fall 3 Tage vorher herrschte über dem Atlantik also eine kräftige Frontalzone vor. Entscheidend wurde wieder die Aktivität eines Kurzwellentroges innerhalb der Frontalzone. Dies zeichnete sich schon am Vortag, den 10.01.05 deutlich ab :

GME-Analyse 500 hPa 10.01.05 12 UTC :

Unter der Vorderseite des Höhentroges befand sich um diese Zeit schon eine markante Wellenstörung mit einer Kernisobare von 990 hPa :

Boden-Analyse DWD 10.01.05 12 UTC :

GME-Analyse 850 hPa 10.01.05 12 UTC :

Hinter und nordwestlich der Wellenstörung floß, wie die Bodentemperaturen und die 850 hPa-Werte zeigen, massiv polare Kaltluft aus dem kanadischen Raum auf den Atlantik hinaus.

12 Stunden später hatte sich der Kurzwellentrog der Höhe wesentlich verschärft und die Bodenwelle hatte sich bis westlich von Irland zu einer ausgeprägten Warmsektorzyklone von 975 hPa Kerninsobare intensiviert :

GME-Analyse 500 hPa 11.01.05 00 UTC :

Boden-Analyse DWD 11.01.05 00 UTC :

Die in 12 Stunden eingetretene erste starke Entwicklung entsprach bereits der Definition eines „Rapid Development“ (s. 1.Posting). Ausgelöst wurde diese Entwicklung wie bei „Erwin“ außer durch die starken Temperaturgegensätze (Baroklinität) wieder durch die günstige Phasenlage des Bodentiefs unter der Vorderseite des Höhentroges (PVA), was einer deutlichen rückwärtigen Achsenneigung entsprach. Das starkgradientige Druckfeld des Warmsektors der Bodenzyklone zeigte mit seinen Isobaren nach Nordosten, wohin sich dann auch konsequenterweise die Zyklone weiterbewegte.

Zwischen 00 UTC und 12 UTC des 11.01.05 explodierte „Gero“ dann regelrecht:

Boden-Analyse DWD 11.01.05 12 UTC :

Im Seegebiet nordwestlich von Irland hatte sich „Gero“ in ein Orkantief mit einer Kernisobare von 945 hPa verwandelt, d.h. der Kerndruck hatte sich innerhalb 12 Stunden um unglaubliche 30 hPa erniedrigt. Die vorstehende Boden-Analyse macht zudem deutlich, daß der Kern-nahe Bereich der Orkanzyklone sich gegenüber dem zyklonalen Umfeld durch einen besonders starken Druckgradienten heraushob. Dort mußten also um diese Zeit schon extreme Windgeschwindigkeiten herrschen. Der Blick auf die 500 hPa-Fläche zeugt gleichzeitig von einem damals äußerst kräftigen Rückkoppelungsprozeß zwischen Boden und Höhe :

GME-Analyse 500 hPa 11.01.05 12 UTC :

Nicht nur, daß sich die Bodenzyklone unter der Trogvorderseite (PVA) der Höhe so extrem intensivierte, auch umgekehrt verschärfte sich die 500 hPa-Konfiguration wesentlich : Die markante Diffluenz der Höhentrogvorderseite deutete eine erhebliche Intensivierung des trogvorderseitigen PVA an. Die vertikale Achsenneigung war bei diesem raschen Rückkoppelungsprozeß schon deutlich zurückgegangen, so daß das weitere Entwicklungspotential von „Gero“ fast schon aufgebraucht war. Konsequenterweise zeigte sich der Kern von „Gero“ dann um 00 UTC des 12.01.05 unverändert mit einer Kernisobare von 945 hPa :

Boden-Analyse DWD 12.01.05 00 UTC :

Zu diesem Bild paßte die 500 hPa-Konfiguration, die auf eine nun senkrechte Achse schließen ließ bei gleichzeitig ausgprägt zyklonalen Kern auch in 500 hPa :

GME-Analyse 500 hPa 12.01.05 00 UTC :

Interessanterweise beobachtete man in 850 hPa bei „Gero“ keinen so deutlichen warmen Kern wie vorher bei „Erwin“ :

GME-Analyse 850 hPa 12.01.05 00 UTC :

Bis zum Mittag des 12.01.05 driftete „Gero“ langsam weiter ostnordostwärts in den Bereich des südlichen Nordmeeres und begann sich gleichzeitig allmählich abzuschwächen :

Boden-Analyse DWD 12.01.05 12 UTC :

Bei extremen Entwicklungen über (datenärmeren) Wasserflächen wie bei „Gero“ spielt die Diagnostik der Satellitenbilder eine besonders wichtige Rolle. Hier kommt es darauf an, anhand der Struktur der Wolken- und Feuchtigkeitsverteilung auf den Entwicklungszustand zu schließen und besonders den Moment der „Explosion“ der Zyklone zu erfassen. Die nachfolgende Serie mit IR-Satellitenbildern beginnt um 12 UTC des 10.01.05, als die Boden-Analyse draußen auf dem Atlantik noch die offene Wellenstörung markierte :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 10.01.05 12 UTC :

Man erkennt am linken Bildrand das noch sehr breit angelegte zyklonale Wolkenfeld. Man könnte anhand der Form bereits an Warmfront, Kaltfront und Ansatz von Okklusionsfront denken. Die obige Boden-Analyse zum gleichen Termin gibt aber die offene Form der Wellenstörung. Das ist gerechtfertigt, weil die Quasi-Okklusionsfrontbewölkung in Wirklichkeit dem typischen „Cloud-Head“ im Frühstadium der Zyklogenese angehört.

12 Stunden später sah die Satellitenbild-Konfiguration schon markanter aus, u.a. durch den besonders hochreichenden Wolkenteil (hell) nördlich des sich allmählich herausbildenden „Dry Slot“ :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 11.01.05 00 UTC :

Die breite Form des „Cloud-Heads“ war immer noch Indiz dafür, daß noch keine oder keine wesentliche Okkludierung eingetreten war, was wiederum mit der oben gezeigten Boden-Analyse gut übereinstimmte.

Die eigentliche „Explosion“ von „Gero“ läßt sich dann mit den beiden im 6 Stunden Abstand gezeigten IR-Satellitenbildern ablesen :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 11.01.05 06 UTC :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 11.01.05 12 UTC :

Die besonders markante Form des Vorderteils des „Dry Slot“ und die plötzlich eintretende zyklonale Verbiegung des linken Wolkenteils und des Kaltfrontwolkenbandes waren untrügliche Indikatoren für die „Explosion“. Aber auch die in den nahen Kernbereich hereingezogene zellulare, konvektive Bewölkung war ein sichtbarer Beweis für die eingesetzte Extrmentwicklung. Im 12 UTC-Bild war anhand der tieferen Bewölkung (grau) der bodennahe Kern jetzt auch sehr genau platzierbar.

In den nachfolgenden 12 Stunden bildete sich dann die klassische Spiralform der voll entwickelten Orkanzyklone immer klarer heraus und typischerweise stieg die Obergrenze der nun existierenden gekrümmten Okklusionsfront stark an (weiß) :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 11.01.05 18 UTC :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 12.01.05 00 UTC :

Im Inneren des Zyklonenbereichs ringelte sich das Wolkenband mehrfach ein, zerfiel und entwickelte sich dabei immer wieder neu. Diese Struktur blieb im Stadium der gleichbleibenden und dann beginnenden abschwächenden Zyklonenintensität zunächst noch erhalten :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 12.01.05 06 UTC :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) 12.01.05 12 UTC :

Nun noch ein abschließender Blick auf den Zusammenhang zwischen extremem Windfeld und Satellitenbild im Ausschnitt :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Wind 11.01.05 18 UTC :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Max-Böen 11.01.05 18 UTC :

Um 18 UTC des 11.01.05 erstreckte sich das bis dahin stärkste Windfeld vom „Dry Slot“-Bereich über Nordschottland zur Nordküste Irlands, dort wo die zunehmende Schichtungslabilität sich schon durch konvektive Bewölkung bemerkbar machte. Dies war auch der Bereich des stärksten Bodendruckgradienten, der sich südlich des in den Kern hinein gebogenen Wolkenbereichs der Orkanzyklone erstreckte. Diese Zuordnung ist generell für Orkanzyklonen typisch. Entsprechend auch die Verteilung der Maximalböen, die um diese Zeit nördlich von Schottland schon bis auf 88 Knoten angestiegen waren.

Um 00 UTC des 12.01.05 erlebte die geschilderte Zuordnung von Wind/Maximalböen und Satellitenbildstrukturen ihren Höhepunkt, ebenso die Orkanlage selbst :
IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Wind 12.01.05 00 UTC :

IR-Satellitenbild (Meteosat, DWD) + Max-Böen 12.01.05 00 UTC :

Die höchsten dargestellten Mittelwinde lagen jetzt bei 55 Knoten, die Maximalböen sogar bei 112 Knoten. D.h. der Böigkeitsfaktor war extrem groß und auch größer als beim Fall „Erwin“ 3 Tage zuvor. Die insgesamt höchste Maximalböe wurde meines Wissens mit 116 Knoten gemeldet.

Wetterfuchs

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