[ Thread ansehen ] [ Zurück zum Index ] [ Vorheriger Beitrag ] [ Nächster Beitrag ]

Schneekatastrophe 78/79 : Entwicklung + Strukturen

Geschrieben von: Wetterfuchs
Datum: 2. Januar 2005, 17:51 Uhr


Treten zum Jahresende häufiger Naturkatastrophen auf als sonst? Auf diese Frage könnte man kommen, wenn man an das Jahresende 2003 oder jetzt 2004 denkt, angesichts zweier schwerer Erdbebenkatastrophen. Oder denken wir an die Wetterkatastrophe, die der Orkan „Lothar“ am 26.12.99 auslöste, wobei in Frankreich es gleich danach am 28.12.99 noch einen Nachfolger in Form von „Martin“ gab. Ich weiß nicht, ob der Frage einer Häufung von Naturkatastrophen um den Jahreswechsel herum schon ernsthaft nachgegangen worden ist oder wir um diese Zeit einfach nur sensibler sind und sie in der Erinnerung bewußter wahrnehmen. So oder so, in diese Serie paßt auch die Schneekatastrophe vom Silvester 1978/79, die ganze Landstriche im Norden Deutschlands erfaßte. Häufig mißt man den Grad von Katastrophen nur an der Zahl der Toten und der Gesamtsumme der materiellen Schäden. In dieser Beziehung war „Lothar“ für Deutschland sicherlich gravierender. Am Jahresende 1978 wurde aber von der Schneekatastrophe das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt und niemand konnte sich dem entziehen. Auf Straßen und Schienen lief in den Regionen nichts mehr, Ortschaften waren von der Umwelt abgeschnitten, Katastrophenalarme wurden ausgerufen, auf den Straßen wurde ein striktes Fahrverbot ausgesprochen. Menschen waren mitten auf der Strecke in Not geraten waren, z.T. mit Todesfolge durch Erfrieren. Die Bevölkerung mußte an einigen Orten für mehrere Tage aus der Luft mit dem Lebensnotwendigsten versorgt werden.

In den Tagen und Jahren danach fand das Ereignis ein wiederholtes Echo und im Bewußtsein der Menschen sind jene Tage auch nach 26 Jahren immer noch lebendig. Unter der dazu erschienenen Literatur möchte ich zwei Broschüren hervorheben , die den Ablauf der Katastrophe in Text und Bild für Bereich Schleswig-Holstein stets neu lebendig werden lassen :

1. Schleswig-Holstein versank im Schnee.
Schnee-Katastrophe Winter 1978/1979
Struve’s Buchdruckerei und Verlag, Eutin
2. Der große Schnee.
Der Katastrophenwinter 1978/79 in Schleswig-Holstein
Husum Druck- und Verlagsgesellschaft

Hier das Deckblatt der erstgenannten Veröffentlichung :

Das Foto zeigt einen auf der Insel Fehmarn (Ostholstein) steckengebliebenen Zug, der schließlich fast vollkommen eingeschneit wurde. Einen weiteren optischen Eindruck vermittelt dieses Foto aus Husum :

Worin bestand meteorologisch die damalige Wetterkatastrophe? Die Bilder zeigen es : Es war die unheilvolle Kombination von ergiebigem Schneefall, anfangs auch gefrierendem Regen, und anhaltend starkem Wind, teilweise Sturm, der die Schneemassen zu mehrere Meter hohen Verwehungen auftürmte. Allein schon die mittleren Schneehöhenangaben lassen uns angesichts der sonst üblichen Schneeverhältnisse erschauern : In der Stadt Schleswig wurde am Jahreswechsel 1978/79 an der dortigen DWD-Meßstelle eine mittlere Schneehöhe von 60 cm gemessen, eine Schneehöhe, die es seit Beginn der Schneemessung 1931 dort noch nie und auch später nie mehr festgestellt wurde. Zu den schwerwiegenden Auswirkung gehörten neben den riesigen Schneeverwehungen und gefrierendem Regen auch Schäden durch die damalige Sturmflut an der Ostseeküste. In Flensburg, Kiel und Lübeck standen Straßenzüge unter Wasser und vereisten.

Zu den diversen Nachbetrachtungen der Katastrophe gehören auch Erlebnisschilderungen und meteorologische Erörterungen von Thomas Sävert, Jürgen Vollmer und Sandro (Forum). Man findet sie in Thomas Säverts Website http://www.naturgewalten.de Links „Unwetter-Berichte“ und „Winter 1978/79“. In 3 Postings möchte ich die damalige meteorologische Situation nochmals zusammenhängend aufrollen und vertiefen. In diesem ersten Posting geht es um die meteorologischen Abläufe und Strukturen der Katastrophe selbst. Im zweiten Posting möchte ich die großräumige Vorentwicklung schildern und aufzeigen, welche Mechanismen letztendlich zu der schwerwiegenden Wetterlage führten. Im dritten Posting werde ich die damalige Prognose-Situation beleuchten und Modellprognosen dieser Zeit in Ausschnitten diskutieren. Für mich persönlich ist der Jahreswechsel 1978/79 aus dieser Sichtweise noch ganz lebendig, weil ich als Meteorologe beim damaligen Wetteramt Freiburg auch wie gebannt auf das Geschehen im Norden schaute. Schließlich erfaßte der Kaltlufteinbruch zwar fast ohne Schneefall, dafür aber temperaturmäßig umso härter Freiburg direkt in der Silvesternacht, als milden Werten nahe 10°C direkt Frostgrade von unter –10°C folgten. Das Material von damals liegt heute noch im wesentlichen in Form von Hardcopies vor. Dazu gehören Daten und Kartenmaterial der „Berliner Wetterkarte“. Anderes Material wurde digital aufbereitet, z.B. als NOAA-Re-Analysen im WZ-Archiv. Ich möchte mich bei Peter aus Teltow bedanken, der mir zur Vorbereitung des 1.Postings Kartenprodukte + Texte aus der Berliner Wetterkarte hoch aufgelöst gescannt hat und übermittelte, um sie hier zeigen zu können.

Ich beginne die Schilderung der großräumigen und regionalen synoptischen Strukturen mit dem 27.12.78, dem unmittelbaren Startpunkt der Entwicklung hin zur scharfen und tagelang wirksamen Luftmassengrenze über Deutschland, verbunden mit andauernden und sich immer wieder regenerierenden Niederschlägen und gleichzeitig anhaltend starken Druckgradienten.

ENTWICKLUNG VOM 27.12.78 :

Berliner Wetterkarte Analyse 500 hPa vom 27.12.78 00 UTC :

Berliner Wetterkarte Analyse Boden vom 27.12.78 06 UTC :

Der 27.12.78 wurde zwischen Mitteleuropa und der nordamerikanischen Ostküste von einer ungewöhnlich weit südlich gelegenen westlich-östlichen Frontalzone (40° Nord) bestimmt. Entsprechend weit südlich (45-50°N) existierte in 500 hPa eine von 2 Höhentiefkernen gebildete Tiefdruckzone. Dem entsprachen dort zwei ebenso markante und miteinander verbundene kräftige Bodentiefs. Als Gegenpol agierte ein über Grönland liegendes kräftiges Hoch. Es war nach Osten hin in 500 hPa von einem zyklonalen Kälteblock mit Kern nördlich der Nordküste Rußlands flankiert, das im Verbund mit dem grönländischen Hoch eine nördliche Strömung Richtung Skandinavien erzeugte. Bodennah gehörte zum nördlichen zyklonalen Kälteblock ein sich quer über Mittel- und Nordostrußland erstreckendes Tiefdrucksystem. Dessen Kaltfronten hatten die Ostsee und Südschweden erreicht, während Deutschland noch ganz im Einflußbereich milder Atlantikluft lag. Diagnostisch gesehen bedeutete diese Lage eine frontogenetische „Viererdruckfeld-Konstellation“ : Milde Luft floß über Südwesteuropa hinweg nordostwärts, Kaltluft drang über Skandinavien und die Ostsee hinweg südwestwärts vor (Tief Rußland, Tief westlich der Biskaya, Hoch Grönland-Barentssee, Hoch Balkan). Die frontogenetische Zone betraf genau das nördliche Mitteleuropa. Hier mußte sich also mit der Zeit ein stärkerer Temperaturgegensatz aufbauen. Ein erstes Resultat sah man schon am Folgetag, dem 28.12.78 :

ENTWICKLUNG VOM 28.12.78 :

Berliner Wetterkarte Analyse 500 hPa vom 28.12.78 00 UTC :

Berliner Wetterkarte Analyse Boden vom 28.12.78 06 UTC :

Die Veränderungen ließen sich sowohl in der Höhe und am Boden ablesen : Das Tief vor der Biskaya hatte sich nach Irland verlagert, seine Fronten waren nach Mitteleuropa eingeschwenkt und befanden sich innerhalb eines vom irischen Tief ausgehenden Bodentrogs. Vergleicht man die morgendlichen 2m-Temperaturen dieses Tages mit denen des Vortages, so fand man jetzt über Deutschland Werte um +9°C, in Mittelschweden nördlich der letzten Kaltfront Werte um –15°C. Am Vortag (s. oben) lautete der Vergleich noch etwa –12°C in Mittelschweden und etwa +6°C über der Mitte Deutschlands. Mit der Verschärfung der Temperaturgegensätze hatten sich auch die Druckgegensätze erhöht : War der Druckunterschied zwischen beiden Räumen am Vortag insgesamt nur etwa 5 hPa, so betrug er jetzt beiderseits der neuen Tiefdruckrinne schon 5-10 hPa. Entsprechend wehten südlich davon mäßige Südwestwinde, nördlich davon mäßig Ostwinde. Der Blick auf die Bodenkarte zeigt zusätzlich, daß weiter stromaufwärts über Mittel- und Nordrußland die Kaltluftmasse Temperaturwerte bis unter –25°C aufwies. Diese Kaltluftmasse stand also zum Anströmen gegen Mitteleuropa bereit.

Beeindruckend auch die Veränderungen in der Höhe : In der aus Norden kommenden Strömung des Vortages entwickelte sich (durch KLA und den barotropen Beta-Effekt) ein Kurzwellentrog, der sich etwa am 60.Breitengrad entlang aus dem nordrussischen Kälteblock westwärts vorschob. Schaut man auf die Temperaturen in 500 hPa, so sieht man, daß durch diesen Vorgang die 500 hPa-Temperatur über Mittelschweden von –31°C auf –34°C abgesunken war, während über Deutschland die 500 hPa-Temperatur mit dem frontalen Hertransport milderer Luft von etwa –23°C auf etwa -19°C angestiegen war. So bahnte sich in allen Höhenlagen eine verschärfte Situation an. In der Höhe blieb dabei eine stramme westnordwestliche Strömung erhalten, im Norden bodennahe begleitet von einer Ostströmung. So zeigten auch alle Radiosonden nördlich der Tiefdruckrinne jetzt eine bemerkenswerte vertikale Windrichtungsscherung.

Was tat sich wettermäßig am 28.12.78 als Folge der einsetzenden Frontogenese? Hierzu ein Blick auf die Bodenwetterkarte von 12 UTC :

Berliner Wetterkarte Ausschnitt Analyse Boden 28.12.78 12 UTC :

Bis zum Mittag des 28.12.78 setzte bei Temperaturrückgang im Norden und in der Mitte Schleswig-Holsteins sowie an der mecklenburg-vorpommerschen Küste mäßiger Schneefall ein, teilweise vorher mit gefrierendem Regen. Der gefrierende Regen erzeugte an Elektro-Freilandleitungen eine erhebliche Eislast, die in Kombination mit dem zunehmenden Wind teilweise zum Reißen der Leitungen führte, mit der Folge, daß im Bereich Schleswig-Flensburg bei etwa 0°C plötzlich ganze Orte ohne Stromversorgung waren. Das Muster mit Schneefall – gefrierender Regen im Norden blieb auch in den nächsten Tagen erhalten, während es im Süden in der milden Luft fast ständig regnete. Die Ursache für die Niederschläge lag wesentlich auch im fortschreitenden frontogenetischen Prozeß, durch den eine thermisch direkte Zirkulation um die geneigte Frontfläche herum in Gang gehalten wurde. Aktuell unterstützte zusätzlich der „Right Entrance-Effekt“ (Scherungs-PVA) des Jets in der Höhe (s. 500 hPa-Strömung) die Hebungsprozesse längs der Luftmassengrenze.

ENTWICKLUNG VOM 29.12.78 :

Berliner Wetterkarte Analyse 500 hPa vom 29.12.78 00 UTC :

Berliner Wetterkarte Analyse Boden vom 29.12.78 06 UTC :

Schon ein flüchtiger Blick auf die Bodenkarte vom 29.12.78 06 UTC macht klar, daß die in Gang gekommene Ausbildung einer deutlichen Luftmassengrenze quer über dem nördlichen Deutschland innerhalb kurzer Zeit weitere Fortschritte gemacht hatte. Entsprechend der Analyse konnte man nun von einer kompakten Luftmassengrenze reden, die sich auch schon etwas weiter südwärts in den norddeutschen Raum hinein bewegt hatte. Gleichzeitig verschärften sich die Temperaturgegensätze längs der Front bei immer stärkeren Ostwinden an der kalten Nordflanke. Das volle synoptische Verständnis der sich entwickelnden Situation lassen die beiden 24 Stunden auseinander liegenden Kartensets vom 28.12.78 und 29.12.78 nur erahnen. Die zeitlich dazwischen liegenden Karten zeigen, daß durch eine zunehmend glatt west-ostwärts orientierte mitteleuropäische Frontalzone eine lange zonale „Laufbahn“ für Bodentiefs und Teilstörungen entstanden war . So hatte sich das alte Tief über Irland (28.12.78 06 UTC) längs der Luftmassengrenze über Deutschland hinweg in den Raum Erzgebirge (29.12.78) verlagert. Dahinter kam es zur beschriebenen leichten Südverlagerung der Luftmassengrenze, eingebunden in eine noch ausgeprägtere Tiefdruckrinne als am Vortag. Gleichzeitig hatte sich aus dem mitteleuropäischen Frontenbereich ein Teiltief abgespalten und lag nun zwischen Mittel- und Südrußland. Dieser Vorgang war u.a. dafür verantwortlich, daß die oben erwähnte russischen Kaltluft in einen stärkeren Ostwindgradient geriet und nun diese Luft schon vor der Haustür des nördlichen Mitteleuropa lag. Ein weiterer Faktor bei der Zunahme des Ostwindgradienten war Druckanstieg über dem nördlichen Skandinavien. Dort war der Luftdruck in 24 Stunden von rund 1020 hPa auf 1020 bis 1025 hPa angestiegen. Was die russische Kaltluft betraf, war ihre Temperatur seit dem Vortag noch weiter abgesunken. Nach Norden hin wurden am Morgen des 29.12.78 2 m-Werte von –30° bis –36°C beobachtet. Was sich also vom 28.12.78 auf den 29.12.78 zunehmend herauskristallisierte, konnte als Vorbereitung einer weiteren deutlichen Frontogenese (Frontverstärkung) durch die gescherte Strömung und verstärktes Anzapfen des östlichen Kaltluft-Pools bezeichnet werden.

Daß die Entwicklung bei uns auf eine ernste Situation zulief, kann direkt mit der Ausschnitts-Bodenkarte vom Mittag des 29.12.78 belegt werden :

Berliner Wetterkarte Ausschnitt Analyse Boden 29.12.78 12 UTC :

Wie man sieht, hatte sich im Osten die Luftmassengrenze am weitesten nach Süden vorgeschoben, dort etwa in den Raum nördliches Sachsen. Die Temperaturen waren im Osten um 5 bis 10 Grad abgesunken, in Schleswig-Holstein um 3 bis 5 Grad. Im Osten machte sich bei Mittagstemperaturen von –4°C bis –9°C die Aktivierung des russischen Kältepools schon deutlich bemerkbar. Während es frontnah teils noch regnete, teils bei Temperaturen bis etwa –5°C (!) gefrierenden Regen gab, schneite es weiter nordwärts verbreitet. In Schleswig stieg die Schneehöhe von 15 cm am Morgen auf etwa 30-35 cm am Abend. Der mit dem Schneefall verbundene starke Ostwind ließ dort gleichzeitig die Schneeverwehungen weiter stark anwachsen. An diesem Morgen wurde in Schleswig-Holstein, und zwar im Kreis Schleswig-Holstein, deshalb der erste Katastrophenalarm ausgelöst.

Einen diagnostischen Blick in die sich verschärfende Lage boten auch die Vertikalprofile von Temperatur und Wind. Hier 3 Radiosondenaufstiege vom Mittagstermin 12 UTC des 29.12.78:

Radiosondenaufstieg Kopenhagen vom 29.12.78 12 UTC :

Radiosondenaufstieg Schleswig vom 29.12.78 12 UTC :

Radiosondenaufstieg Essen vom 29.12.78 12 UTC :

In Kopenhagen beeindruckt der scharfe Wechsel der starken bodennahen Ostströmung (800-900 hPa) zur starken Westströmung in der Höhe. Zwischen 800 und 600 hPa erstreckt sich die isotherme und feuchte Schicht der Front. Sehr ähnlich auch die Situation über Schleswig, nur lag hier die isotherme bis leicht temperaturinverse frontale Schicht erwartungsgemäß tiefer als in Kopenhagen. Dort, wo gefrierender Regen auftrat, muß die Temperaturinversion mit Temperaturwerten über 0°C noch ausgeprägter gewesen sein. Die Radiosondenstation Essen schließlich befand sich um diese Zeit noch ganz in der milden Luft ohne jegliche isotherme oder temperturinverse Schicht.

ENTWICKLUNG VOM 30.12.78 :

Am nächsten Tag, den 30.12.78, steuerte die Unwetterlage ihrem Höhepunkt entgegen. Die am stärksten betroffenen Gebiete Schleswig-Holstein und Nordküste von Mecklenburg-Vorpommern/Rügen blieben unvermindert im Würgegriff von Schneefall und starkem Ostwind. Synoptisch spielte für diesen Tag der schnelle Heranzug einer weiteren Störung längs der Luftmassengrenze die entscheidende Rolle :

Berliner Wetterkarte Analyse 500 hPa vom 30.12.78 00 UTC :

Berliner Wetterkarte Analyse Boden vom 30.12.78 06 UTC :

Der massive zyklonale Kälteblock (500 hPa) über Rußland mit oströmungsbedingter Trogausweitung zu den Britischen Inseln hin war jetzt noch dominanter als vorher, erkennbar nicht nur an der Isohypsenstruktur, sondern auch. an einem weiteren Temperaturrückgang im Bereich Nordsee-Britische Inseln. Ein am Vortag westlich der Biskaya gelegener Kurzwellentrog wanderte südlich dieses Kälteblocks nach Mitteleuropa, nivellierte sich dabei aber weitgehend aus. Damit gekoppelt wanderte das irische Tief des Vortages ebenfalls unter Abschwächung zum westlichen Niedersachsen. Die Ostwinde von der südlichen Ostsee bis zur Nordsee blieben bei dem Vorgang unvermindert kräftig, die 2 m-Temperaturen gingen dort weiter zurück. Die von Mitteleuropa in der Frontalzone nach Südrußland ziehenden flachen Tiefs sowie weiterer Druckanstieg in Nordrußland und Nordskandinavien hielten den Ostwindgradienten unvermindert hoch. In Mittel- und Nordrußland war die Temperatur inzwischen auf teilweise unter –40°C gesunken. So hielt auch der Mechanismus der scherungsbedingten Frontogenese (Frontverschärfung) an.

Wie sich das bei uns auswirkte, zeigt der Blick auf die Ausschnitts-Bodenanalyse vom Mittag:

Berliner Wetterkarte Ausschnitt Analyse Boden 30.12.78 12 UTC :

In der Mitte erkennt man die am Morgen über dem westlichen Niedersachsen angelangte Welle jetzt über dem Sauerland/Nordhessen. Sie besaß weiterhin eine unverminderte Wetterwirksamkeit mit Schneefall von der Mittelgebirgsschwelle bis nach Schleswig-Holstein. Dort herrschte stürmischer Ostwind bzw. Oststurm bei –4° bis –9°C kombiniert mit leichtem bis mäßigen Dauerschneefall. Die Windmeldungen zeigen, wie besonders die Ostseeküste Schleswig-Holsteins extrem dem Oststurm ausgesetzt war. Jetzt wurde auch in Ostholstein Katastrophenalarm ausgerufen, weil inzwischen die Schneeverwehungen gewaltige Ausmaße angenommen hatten. Am Morgen dieses 30.12.78 wurde in Schleswig eine mittlere Schneehöhe von 50 cm gemessen. Die tiefsten Temperaturen herrschten derweil im Binnenland des Ostens von Deutschland mit Werten von mittags bis –14°C. Aber glücklicherweise wehten dabei deutlich schwächere Ostwinde und so entwickelte sich dort keine katastrophale Situation. Der Temperaturgegensatz an der Luftmassengrenze selbst besaß nun ihre größte Ausprägung. Zwischen Nordbayern (rund +8°C) und Thüringen (rund –8°C) war der Temperunterschied auf über 15 K angestiegen. Der Windsprung betrug praktisch 180 Grad.

ENTWICKLUNG VOM 31.12.78 :

Die bange Frage des neuen Tages war : Wann hören im Norden Schneefall und starker Wind wieder auf? Eine Voraussetzung wäre gewesen, wenn ein kräftigeres abschließendes Tief oder stärker südwärts ausgreifender hoher Druck für einen Abschluß der massiven Frontalzone über Deutschland mit ihren Hebungsprozessen gesorgt hätten. Zunächst einmal war dies aber noch nicht der Fall, denn der Mechanismus der steten Wiederbelebung der frontalen bzw. frontogenetischen Hebung über Mitteleuropa blieb auch am 31.12.78 noch erhalten :

Berliner Wetterkarte Analyse 500 hPa vom 31.12.78 00 UTC :

Berliner Wetterkarte Analyse Boden vom 31.12.78 06 UTC :

Wieder ist es nicht einfach, aus der vergleichenden Betrachtung der Karten vom 30.12.78 und 31.12.78 abzulesen, was sich im einzelnen zwischendurch synoptisch getan hatte. Wegen der sehr hohen Windgeschwindigkeiten der Frontalzone in der Höhe (500 hPa) konnte eine am Vortag noch westlich der Biskaya gelegene Welle eines weiter draußen auf dem Atlantik befindlichen Tiefs rasch nach Frankreich vordringen und sich mit einem davor existierenden weiteren Randtief verschmelzen. Diese Zyklone griff in den Frühstunden des 31.12.78 auf den Westen Deutschlands über, so daß kurzfristig die scharfe Luftmassengrenze noch einmal etwas nach Norden zurückwich. Die 500 hPa-Karte des 31.12.78 zeigt, daß parallel zum neu einbrechenden Bodentief südlich des zyklonalen Kälteblocks ein markanter kurzwelliger Trog verbunden war. Bodentief und Kurzwellentrog belebten Schneefall und den kräftigen kalten Ostwind ein weiteres Mal. So gab es nördlich der Bodenwelle kurzfristig auch in den mehr westlichen Teilen Deutschlands eine etwas schwierige Situation.

Bis zum Mittag hatte sich das Tief dann bis in den Raum Fichtelgebirge/Erzgebirge weiter verlagert :

Berliner Wetterkarte Ausschnitt Analyse Boden 31.12.78 12 UTC :

Bis zu dieser Zeit hatte sich der vorübergehend stärkere Wind im Westen Deutschlands wieder beruhigt, dafür war dort die Kaltluft am Rhein abrupt eingeströmt mit Mittagstemperaturen von –11°C bis –15°C. Der Temperaturgegensatz zum noch milden Raum Karlsruhe (+8°C) war enorm. Trotz der effektiv langsam weiter südwärts vorgedrungenen scharfen Luftmassengrenze schneite es auch am Mittag noch weit nach Norddeutschland hinein, ja sogar bis hoch nach Schleswig-Holstein und Rügen. Dabei herrschte im Binnenland am Mittag eine bittere Kälte von teilweise unter –15°C, nur in Schleswig-Holstein und auf Rügen gab es „mildere“ Frostgrade von rund –7°C. Im Nordosten, auf Rügen und in Schleswig-Holstein wehte nach wie vor ein sehr starker Nordost- bis Ostwind. Dies bedeutete, daß sich auch die Krisensituation in diesen Gebieten noch nicht veränderte. In Schleswig erreichte die mittlere Schneehöhe an diesem Tag den endgültigen Höchstwert von 60 cm. Verläßliche Angaben über die Schneewehen gab es nicht, jedoch dürften sie jetzt teilweise bis zu mehreren Metern hoch gereicht haben. Dafür sprechen die Fotos von damals. Geradezu gespenstisch wirkten Häuser, die, wie fotografisch dokumentiert, zur Windseite hin an den Wänden total weiß geworden waren.

LAGE UND ABSCHLUSS VOM 01.01.79 :

Schon der Blick auf die Westteile der Karten vom 31.12.78 verraten, daß das erhoffte Ende der prekären Wetterlage in Schleswig-Holstein, in Rügen und an der Küste Mecklenburg-Vorpommers am Neujahrstag Realität werden würde und dies bestätigte sich dann auch am 01.01.79 :

Berliner Wetterkarte Analyse 500 hPa vom 01.01.79 00 UTC :

Berliner Wetterkarte Analyse Boden vom 01.01.79 06 UTC :

Eine auf der Bodenkarte vom 31.12.78 06 UTC (s.oben) über dem Ärmelkanal neu aufgetauchte Welle folgte zwar nochmals nach Mitteleuropa , über dem Atlantik war aber der Luftdruck bereits deutlich angestiegen. Die Ärmalkanal-Welle erreichte in der Silvesternacht den Westen Deutschlands etwa auf Höhe des 50.Breitengrades. Dahinter drang aber endgültig die sehr kalte Luft bis zum süddeutschen Raum vor. So lag am Morgen von Neujahr die Luftmassengrenze bereits über dem Alpenraum. Der Tiefdruckschwerpunkt hatte sich inzwischen zum nördlichen Balkan und nach Südrußland verlagert und über den Britischen Inseln befand sich ein sperrendes Hoch. In 500 hPa war tiefes Geopotential über der südlichen Ostsee konzentriert. Ein von dort nach Südwesten ausgehender Trog schwenkte im Tagesverlauf über Mitteleuropa hinweg.

Auch die regionale Bodenkarte zeigte das Ende der katastrophalen Lage :

Berliner Wetterkarte Ausschnitt Analyse Boden 01.01.79 12 UTC :

Jeder atmete auf : In Schleswig-Holstein lockerte die Bewölkung auf, der Wind war auf Nord gedreht und hatte weitgehend nachgelassen. Es dauerte allerdings noch einige Tage, bis sich das öffentliche Leben wieder halbwegs normalisiert hatte. Im Binnenland hatte sich die strenge Kälte bis hin zu den Alpen hin ausgedehnt Es war der temperaturmäßig der Tiefstpunkt einer Kette mehrerer Tage.

ABSCHLUSSBEMERKUNGEN :

Die Ungewöhnlichkeit der Zirkulations- und Wetterentwicklung vom Jahresende 1978 zeigte sich in der damaligen Druckfeld-, Luftmassen-, Fronten- und Wettersituation. Es war eine regionale, winterliche Wetterkatastrophe für den äußersten Norden Deutschlands nach extremer Frontogenese. Aber auch in den übrigen Gebieten steigerten sich Strukturen und Entwicklung zu ungewöhnlichen Formen. Normalerweise hätte man sagen können : So etwas wiederholt sich nie mehr. Und doch : Mitte Februar 1979, noch im gleichen Winter, gab es erneut eine Art „Schneekatastrophe“, wieder in Norddeutschland, diesmal aber etwas weiter ins Binnenland hinein ausgedehnt. Für diesen Fall war man dann aber schon innerlich und in der Bekämpfung der Schwierigkeiten besser gewappnet.

Den Abschluß dieses ersten Postings zur Schneekatastrophe Ende 1978 sollen 4 Graphiken bilden, die die Entwicklung noch einmal zusammenfassend beleuchten :

Entwicklung der Minimumtemperaturen ausgesuchter Stationen :

Temperaturentwicklung in Berlin-Dahlem :

Klimadaten-Karte WZ mit DWD-Stationen vom 01.01.79 :

Regionale Schneehöhenverteilung Schleswig-Holstein (aus Lit.1) vom 01.01.79 :

Die erste Grafik verdeutlicht noch einmal die markante thermische Situation an der Luftmassengrenze, wie sie sich insbesondere über dem Festland entwickelte. Der 24-stündige Temperaturrückgang wurde nach Süden hin immer krasser. Ganz auffällig der relativ „gemäßigte“ Temperaturverlauf in Schleswig. Dort ging die Temperatur nur schrittweise zurück. Und doch muß man hierin einen wichtigen Schlüssel für das Zustandekommen der Schneekatastrophe im nördlichsten Bundesland (neben Rügen) sehen. Das „Land zwischen den Meeren“ wurde temperaturmäßig stark von der Ostsee her gepuffert. Bei diesem Vorgang sog sich die Luft mit Feuchtigkeit aus der Meeresoberfläche voll. Dies steigerte einerseits die Niederschlagseffektivität des Aufgleitens und mit der Milderung der bodennahen Kälte die Labilität der vertikalen Schichtung und Schneeschaueraktivität. So konnten sich insgesamt deutlich intensivere Schneefälle entwickeln. Der Blick auf die WZ-Klimadatenkarte bestätigt diese Annahme : Nur küstennah erreichte die mittlere Schneehöhe mehr als 30 cm und die 60 cm von Schleswig waren der absolute Gipfel. Wie sensibel dabei auch scheinbar „harmlose“ topographische Strukturen noch einmal kleinräumig für sehr unterschiedliche Schneehöhen sorgten, offenbart die Karte mit der Schneehöhenverteilung in Schleswig-Holstein : Auf der Luvseite, der hügeligen Ostseite Schleswig-Holsteins, war die Schneehöhe auf 50-70 cm angewachsen, während sie im Westen in den meisten Regionen nur bei 20-30 cm lag. Die einzige Ausnahme bildete der Bereich Husum, wohin von Nordosten sich ebenfalls ein Gebiet mit größeren Schneehöhen zog. Einerseits war ich Osten die stärkere Labilität wirksam, andererseits gab es dort überall Anstau, der im vielfach flachen Westen fehlte. Die Zone mit höheren Werten nach Husum hin ist wahrscheinlich auch eine topographische Folge, da in diesem Raum die leichte Hügeligkeit sich weiter nach Westen zieht. Die analysierten 70 cm nordöstlich von Schleswig können als die höchste damals aufgetretene mittlere Schneehöhe angesehen werden.

Wetterfuchs

Beiträge in diesem Thread

[ Thread ansehen ] [ Zurück zum Index ] [ Vorheriger Beitrag ] [ Nächster Beitrag ]

WZ Forum - Interessante Beiträge wird administriert von Georg Müller mit WebBBS 5.12.