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Der Innsbrucker Gewittersturm vom 21.Juli 2003
Geschrieben von: Org: Friedrich Föst, 27.08.2003
Datum: 3. September 2003, 08:00 Uhr
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"Das Brechen der Bäume, das Bersten der Stämme, das Scheppern von umherfliegenden Trümmern. Diese Geräusche gingen durch Mark und Bein. Ich hatte die Bilder aus Berlin nach dem 10.07.02 vor Augen, diese flächendeckende Zerstörung..." (Zitat aus Erlebnisbericht) Der Gewittersturm, der am 21.07.2003 kurz nach 12 UTC Innsbruck erreichte, zählt zu den stärksten, die Tirol jemals heimgesucht hat. Besonders betroffen waren die westlichen Stadtteile Innsbrucks, das untere Sellraintal, das Pitztal und das Oberland zwischen Landeck und Imst mit schweren Sturmschäden. Die Orkanböen, die das Gewitter begleiteten, haben eine komplexe und vielfältige Entstehungsursache, an der viele Faktoren mitgewirkt haben und die hier näher erläutert werden sollen: Die 500 hPa-Analyse von ECMW zeigt einen ausgeprägten Langwellentrog über den Britischen Inseln, an dessen Südwestflanke ein Cut-Off bis vor die Küste der Iberischen Halbinsel ausgetropft ist. Dies spaltet die Frontalzone in zwei Äste: Der nördlichere Ast verläuft südlich von Irland bis über den Ärmelkanal, der südlichere nimmt Kurs über die Iberische Halbinsel bis nach Frankreich, wo sich beide Äste wieder vereinigen. Gleichzeitig setzt auf der Vorderseite des Troges Warmluftadvektion ein, die einen Keil über weiten Teilen Süd- und Osteuropas stützt. Auffällig ist ein im Langwellentrog integrierter Kurzwellentrog, dessen Achse über Südwestdeutschland bis nach Westösterreich verläuft. Auf der Vorderseite dieses Troges können nun durch PVA Hebungsprozesse wirksam werden.
Österreich befindet sich im Zustrom subtropischer Luftmassen, die durch ihren langen Weg über Südwesteuropa kontinental und somit trocken ausgeprägt sind. Auf dem Atlantik hält sich maritime Polarluft bereit, so dass sich ein starker Temperaturgradient aufbauen kann, der besonders über Spanien signifikant ist und bis in den Nordosten Deutschlands reicht.
Im Bodenniveau wird der Grenzverlauf der Luftmassen deutlich. Die Mittagsanalyse der Berliner Wetterkarte zeigt ein auf der Vorderseite des Kurzwellentroges induziertes Tiefdrucksystem, dessen Kaltfront sich vom Erzgebirge südwärts an den Alpenbogen anschmiegt. Diese Front trennt Luftmassen mit einer Differenz von bis zu 15K und steht zu diesem Zeitpunkt unmittelbar vor den Toren Innsbrucks.
Wir verkleinern den Scale und schauen uns die vertikale Schichtung der Atmosphäre im Inntal an. Obwohl der 3 UTC-Aufstieg nicht die wahren Verhältnisse von 12 UTC repräsentieren kann, liefert er doch näherungsweise wertvolle Information hinsichtlich des konvektiven setups.
Im Allgemeinen sind die Bedingungen für severe convection in Teilen Südwesteuropas sehr gut. Ausreichend Labilität, Forcing und vor allem die Scherung sind ausschlaggebende Faktoren für heftige konvektive Ereignisse. Der Showalter-Index zeigt mögliche starke konvektive Vorgänge in Ostfrankreich und Spanien, sowie in der Ostschweiz. Aus dem oben analysierten Setup ist der Showalter-Index eine sinnvolle Ergänzung:
Beginnend mit dem 10 UTC IR-Satbild wird jetzt auf die Entwicklung in Tirol eingegangen. Über Mitteldeutschland liegt ein gealteter MCS, der am Vortag über Frankreich sein Unwesen trieb und mit der nordöstlichen Höhenströmung nach Deutschland zog. Indes haben sich über Frankreich kleinräumig neue Zellen entwickelt. Das Hauptaugenmerk sollte aber auf die Zelle über der Ostschweiz gerichtet werden, die sich erst vor kurzem entwickelt hat.
Eine Stunde später ist die Zelle bereits in Vorarlberg angekommen mit weit nach Norden reichendem Amboss.
Zeitgleich dazu das Radarbild. Zur Orientierung: Auf der linken Seite oben ist der Bodensee eingezeichnet, "DM" steht für München und der schwarze Punkt in der Mitte ist Innsbruck.
Das Talwindsystem funktioniert zu diesem Zeitpunkt einwandfrei (s.u.). Von Kufstein kommend wird die Luft Richtung squall-line transportiert. Die Folge ist eine starke Konvergenz und Zellenwachstum. Die Reflektivitäten liegen jenseits von 55 dBz, ein Anzeichen für Hagelschlag. Im Vertikalscan erreichen die Tops eine Höhe von rund 13km. Zu diesem Zeitpunkt werden schwere Sturmböen (Landeck 100km/h) und Sturmschäden (Imst, Arzl/Pitztal s.u.) von der südlicheren Zelle gemeldet.
Im Sellraintal hat sich ein harmloser Congestus (von Innsbruck aus gut sichtbar) binnen 10 Minuten explosionsartig zu einem Cb gemausert, der bereits Reflektivitäten jenseits von 55 dBz aufweist!
Weitere 10 Minuten später scheint sich eine neue vorlaufende Linie zu bilden, denn auch im Inntal schießt eine Zelle hinauf. Der Cb über dem Sellraintal hat sich nochmals enorm verstärkt, seine Position aber nur geringfügig verändert. Die squall-line ist indes weiter nach Osten vorangekommen mit fast unveränderter Intensität.
Das Satellitenbild kurz vor den Orkanböen. Der Cluster ist nach Ost-Nordost vorangekommen, mit einem Anbau an der Südostseite-die Zelle im Sellraintal.
Die alte squall-line hat binnen 10 Minuten erheblich an Stärke verloren. Die neuformierte Linie reicht vom bayerischen Alpenvorland bis ins Sellraintal. Die vorlaufenden Zellen haben die energiereiche Luft aus dem Inntal für ihr Wachstum aufgesaugt, die alten Zellen laufen in die vom outflow der neuen Linie produzierte Kaltluft und fallen zusammen. Die Südkante der Sellrainzelle ist beeindruckend, die rote Spitze an ihrem Ende deutet auf massiven Hagelschlag hin. Zudem beginnt die Zelle nun ins Inntal zu marschieren.
Der Zeitpunkt, wo die Orkanböen über Innsbruck hereinbrachen. Die Zelle hat es nun eilig, sie ist in den letzten 10 Minuten zügig nordostwärts gekommen. Begleitet von Hagel und peitschendem Regen zieht die Sellrainzelle über Innsbruck.
Die Reflektivitäten sind unverändert eindrucksvoll. Die Zelle zieht mit unverminderter Kraft weiter nach Osten. Die nördlichen Zellen sind stärker als es die Reflektivitäten vermuten lassen. Das Patscherkofelradar (der kleine Punkt südöstlich von Innsbruck) kann nur schwer durch die Zelle "hindurchsehen". In der weiteren Folge werden diese Zellen wieder an Reflektivität zunehmen.
Wie schon oben angesprochen, haben viele Faktoren zu dem Gewittersturm beigetragen. Neben dem thermodynamischen Setup war es zum einen die geringe Feuchte in der Grundschicht, die durch Verdunstungskälte einen massiven cold pool in der Zelle erzeugt hat und zum anderen war das Talwindsystem der maßgebliche Faktor zur explosionsartigen Entwicklung der Zelle. Ein Schema nach Defant soll dies verdeutlichen.
Neben der Orographie, die sowohl für das Zellenwachstum als auch für die Böen hauptverantwortlich zeichnet, kam ein weiterer, selbstverstärkender Prozeß hinzu. Die Vera 12 UTC-Analyse von Druck- und Äquivalentpotentieller Temperatur zeigt einen starken Druckgradienten entlang des Inntals von 6 hPa. Tatsächlich betrug dieser Gradient allein zwischen Landeck und Innsbruck 12 hPa (s.u.)! Im Bereich des postfrontalen Subsidenzgebietes hat sich die Kaltluft im Oberland gesammelt. Die Differenz entlang der Temperaturflächen beträgt zwischen Ober- und Unterinntal 15K. Die Folge ist eine starke Baroklinie, in dessen stärkstem Gradienten Innsbruck platziert ist.
Der zeitliche Druckverlauf im Inntal zeigt eindrucksvoll den Durchgang der Gewitterlinie. Um 10 UTC funktioniert das Talwindsystem im Inntal einwandfrei. Kufstein misst einen höheren Druck als Innsbruck, der niedrigste Druck wird in Landeck registriert. Die Luft strömt das Inntal hinauf. Nach Durchgang der squall-line in Landeck um 11 UTC steigt hier der Druck binnen einer Stunde um fast 13 hPa. Die Folge ist eine starke Konvergenz zwischen der outflow-boundary und dem noch vorherrschenden Talwindregime zwischen Innsbruck und Kufstein. Die Druckdifferenz zwischen Landeck und Innsbruck ist beeindruckend. 12 hPa auf 67km! Um kurz nach 12 UTC wird Innsbruck von der Gewitterlinie überollt, was mit einem Druckanstieg von 8 hPa binnen einer Stunde verbunden ist. Obwohl der Druckgradient nun schon an Stärke verliert, ist er mit 6 hPa zwischen Innsbruck und Kufstein immer noch so stark, um kräftige Winde zu fördern. Um 14 UTC ist das gesamte Inntal mit Kaltluft angefüllt, die durch Sonneneinstrahlung im Oberland bereits wieder erwärmt wird, was zum fallenden Druck in Landeck führt.
Dass hauptsächlich Innsbruck und das untere Sellraintal von den Orkanböen getroffen wurden, liegt an der speziellen Orographie, auf die hier nun eingegangen werden soll. Es sei kurz auf Bernoulli verwiesen (im Vortrag gibt es dazu noch gründlichere Ausführungen). Wie zu erkennen ist, drängen sich die Stromlinien an einer Engstelle zusammen, das Fluid erfährt hier eine erhebliche Beschleunigung und damit in der Engstelle seine höchste Geschwindigkeit, die im diffluenten Bereich hinter der Engstelle wieder abnimmt. Die oben gezeigte Orographie westlich von Innsbruck ist geradezu ideal für diesen Kanalisierungs-Effekt.(Abbildung nach Oke)
Die Isohypsen-Karte zeigt einen Ausschnitt zwischen Innsbruck und Zirl mit dem im Südwesten einmündenden Sellraintal. Während das Inntal nur flach nach Westen ansteigt (man beachte die 600m-Isohypse), weist das Sellraintal eine erheblich steilere Steigung auf. Es wird besonders oberhalb von Sellrain von hohen, steil aufragenden Bergen flankiert, zwischen denen beim Herunterströmen eines Fluids Konfluenz dominieren würde. Zwischen Zirl, Kematen und dem Delta des Sellraintals ist eine breite Fläche, auf der eher Diffluenz herrschen würde. Interessant wird es dann östlich von Kematen. Dort grenzt im Südosten das Mittelgebirge (700m-, 800m-Isohypse) an, während sich im Norden die Martinswand ins Inntal schiebt (der starke bunte Gradient). Die steilen Südabstürze des Hechenberges zwischen Martinswand und Kranebitten und das sich ins Inntal schiebende Mittelgebirge bilden westlich des Flughafens einen Trichter, der perfekt den Kanalisierungs-Effekt nach Bernoulli wiederspiegelt. Die stärksten Böen würde man also im Sellraintal und zwischen Kranebitten und Flughafen erwarten.
Das Ergebnis des o.a. Sachverhaltes spiegelt sich nun auf der Karte der Windvektoren wieder. Im Gegensatz zu der Isohypsenkarte ist hier der relative Verlauf des Inn- und Sellraintales wiedergegeben. Der Trichter zwischen Kematen und Flughafen ist gut zu erkennen.
Deutlicher wird das Strömungsmuster bei der Betrachtung des Sturmfeldes.
In vielen Teilen Tirols traten Sturmschäden auf, die schwersten aber im Sellraintal und in den westlichen Teilen Innsbrucks. Sie sind ein Indiz dafür, dass durch Talwindsystem und Kanalisierung "severe convection"-Ereignisse möglich sind, die auch in Zukunft jederzeit mit ungeahnter Wucht auftreten können. Wir bedanken uns herzlich bei Andi Lanzinger von der Austrocontrol und Manfred Bauer von der ZAMG am Flughafen Innsbruck für die Bereitstellung der Rohdaten. Ein herzlicher Dank gilt auch Herbert Pümpel von der Austrocontrol für die fachlichen Diskussionen. Georg Haas, Friedrich Föst
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