[ Thread ansehen ] [ Zurück zum Index ] [ Vorheriger Beitrag ] [ Nächster Beitrag ]

Wetterzentrale Forum Archiv 2001 1. Halbjahr

ALLGEMEIN: Enstehungstypen der Gewitter (lang)

Geschrieben von: MH [Varel, Friesland, 11m+NN]
Datum: 14. Mai 2001, 01:26 Uhr


Im folgenden die Beschreibung aller Gewittertypen nach Enstehungsbedingungen (für Mitteleuropa):

1. Luftmassengewitter

Luftmassengewitter enstehen grossräumig innerhalb einer gleichartigen Luftmasse, Fronten sind nicht an der Enstehung beteiligt, höchstens schwache bodennahe Konvergenzen oder Gebirgszüge.

1.1. KALTLUFTMASSENGEWITTER

Kaltluftmassengewitter enstehen auf der kalten Seite der Frontalzone innerhalb einer frontenlosen Kaltluftmasse.

1.1.1. Rückseitengewitter

LAGE:
Hinter einer Tiefdruckfront fliesst hochreichende Kaltluft ein. Bodennah oft stärkerer Wind aus NNW bis SW, kaum Zunahme oder Drehung mit der Höhe.
GEWITTERURSACHE:
Grossräumige Labilisierung durch milde Meeresluft (Winter) oder Sonneneinstrahlung (Sommer)
AUFTRETEN:
Ganzjährig, bevorzugt von August bis April, am häufigsten im Norden und Westen.
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Im Sommer kühl bis kalt, im Winter kühl bis mild. In 850 hPa im Winter -10 bis 0°, im Sommer 0 bis 5°. In 500 hPa im Winter -45 bis -30°, im Sommer -25 bis -17°.
TROPOPAUSE:
Niedrig, im Winter bei 6-8, im Sommer bei 7 bis 10 km.
ART DER GEWITTER:
Meist nur kurze, wiederholte Schauergewitter, kleiner Hagel, im Winter Graupel, tritt häufiger auf. Pro Schauer selten mehr als 10 mm Niederschlag.
EXTREMFÄLLE:
Es wurden im Winter bei extremer Labilität durch Zufuhr sehr milder Meeresluft unter kalter Höhenluft schon mehrmals Tromben F0-F2 beobachtet, ausserdem im Sommer Hagel bis 2 cm sowie Überschwemmungen durch wiederholte Starkschauer.
VORHERSAGE:
Sobald die Differenz zwischen erwarteter Bodentemperatur und 500 hPa-Temperatur bei Rückseitenkaltluft 35 - 40 K erreicht, sind Gewitter möglich.

1.1.2. Kaltlufttropfengewitter

LAGE:
Schwach ausgeprägter Kaltlufteinschluss innerhalb einer Warmluftmasse, meist sehr langsam wandernd. In allen Höhen meist schwache Winde, am Boden oft aus östlichen Richtungen, aber alle anderen Richtungen möglich.
GEWITTERURSACHE:
Grossräumige Labilisierung durch Sonneneinstrahlung bei fehlender Inversion innerhalb des Kaltlufttropfens.
AUFTRETEN:
April bis August, im Binnenland bevorzugt.
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Warm. In 850 hPa 7 bis 14°, in 500 hPa -20 bis -13°
TROPOPAUSE:
Mittelhoch, 9 bis 13 km.
ART DER GEWITTER:
Meist mehrfach auftretende, relativ kurze Gewitter, zwischen den Gewittern erneute Erwärmung. Kleiner Hagel kommt vor. Nicht selten ergiebige Niederschläge bis 50 mm/Tag durch langsam ziehende Cumolonimben.
EXTREMFÄLLE:
Vor allem Überschwemmungen durch langsam wandernde, ausgedehnte Starkregengebiete, auch Schichtbildung durch anhaltend kleinen Hagel denkbar. Andere Extreme sind kaum bekannt.
VORHERSAGE:
Erreicht die Differenz zwischen 850 hPa und 500 hPa im hereinziehenden Kaltlufttropfen nahe 30°, sind Gewitter wahrscheinlich.

1.2. WARMLUFTMASSENGEWITTER

Warmluftmassengewitter enstehen südlich der Hauptfrontalzone innerhalb gealterter Warmluft.

LAGE:
Bei oft schwachen Druckgegensätzen ist eine Warmluftmasse wetterbestimmend, die von der Zufuhr warmer Höhenluft aus subtropischen Breiten abgetrennt ist (erkennbar oft durch eine zweite schwache Frontalzone südlich der Warmluftmasse)
In allen Höhen schwache Winde, am Boden meist aus Ost bis Süd.
GEWITTERURSACHE:
Bei fehlender Zufuhr von Höhenwarmluft kühlt die Warmluftmasse in der Höhe ab, während sie am Boden von der Sonne warm gehalten wird. Dabei schwächt sich die bei Warmluftmassen bestimmende Grundschichtinversion ab bis Labilität erreicht ist.
AUFTRETEN:
April bis August, im Binnenland bevorzugt.
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Warm bis sehr warm. In 850 hPa 8 bis 18°, in 500 hPa -20 bis -12°
TROPOPAUSE:
Hoch, 10 bis 15 km.
ART DER GEWITTER:
Die Labilität kann, da die Inversion zunächst deckelt, relativ gross werden.
Oftmals sehr isoliert enstehende Gewittercluster, Hagel tritt häufiger auf.
Durch langsame Zugbewegung mitunter lokal grosse Regensummen >50 mm.
EXTREMFÄLLE:
Hagel bis Walnussgrösse - mitunter länger anhaltend mit Schichtbildung, einzelne Fälle mit Tromben F0 bis F2 bekannt, lokal starke Überschwemmungen.
VORHERSAGE:
Erreicht die Differenz bei den unter Lage genannten Bedingungen zwischen 850 hPa- und 500 hPa-Temperatur 30°, ist mit Warmluftmassenlabilität zu rechnen.

2. Frontgewitter

Frontgewitter enstehen durch Labilitätszunahme und Hebungseinflüsse an frontalen Zonen. Man beachte - bei allen Frontgewittern muss die Labilität nicht vom Boden ausgehen, auch von der oberen Grundschicht kann sie ausgelöst werden (Sc-Niveau)

2.1. TROGLINIENGEWITTER

Trogliniengewitter enstehen in Kaltluftmassen entlang von Konvergenzzonen.

LAGE: Ausgeprägte Kaltluftmasse wetterbestimmend. Innerhalb der Kaltluft eine Konvergenzzone, kann auch eine Okklusion sein, bodennahe Winddrehung an dieser Front, dahinter Temperaturrückgang in allen Höhen. Mitunter stärkere Winde,
richtung je nach Situation, manchmal 180°-Drehung an der Konvergenz.
Zunahme mit der Höhe und Drehung vorhanden, aber nicht ausgeprägt.
GEWITTERURSACHE:
Vor der Konvergenz in tiefen Schichten Advektion wärmerer Luft, dabei mitunter Aufbau einer deckelnden Inversion - begünstigt im Sommer bodennahe Aufheizung. Anschliessend starke Labilisierung bei Frontaufzug durch zunächst stärkeren Temperaturrückgang in der Höhe als am Boden. In einigen Fällen wird bei vorderseitiger Warmluftadvektion und kalter Luft in der Höhe bereits vor Frontdurchgang eine ausreichende Labilität erreicht.
AUFTRETEN:
Ganzjährig, bevorzugt im Norden und Westen.
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Im Sommer kühl, im Winter kühl bis mild, in 850 im Sommer 0 bis 5°, im Winter -10 bis 0°.
TROPOPAUSE:
Niedrig, im Winter 6-8, im Sommer 7 bis 10 km.
ART DER GEWITTER:
Trotz niedriger Temperaturen kann die Labilität bei Trogliniengewittern extreme Werte erreichen. Je nach Ausprägung kann es nur ein harmloses Schauergewitterband sein, aber auch eine Linie starker Gewitter mit Hagel und Trombenbildung, auch im Winter ! Präfrontale Gewitter enstehen isoliert, können aber ebenso stark ausgeprägt sein wie die frontalen Gewitter.
EXTREMFÄLLE:
Im Norden und Westen Mitteleuropas mit die extremsten Gewitterauslöser, sowohl im Sommer als auch im Winter. Hagel tritt zwar häufiger auf, ist aber selten mehr als Haselnussgross, dafür sind zahlreiche Trombenereignisse F0 bis F2 bekannt, ausserdem schwere Gewitterböen und heftige Gussregen mit Überschwemmungen.
VORHERSAGE:
Bei den oben beschriebenen Lagebedingungen sollte die Temperaturdifferenz zwischen 850 und 500 hPa vor der Konvergenz 30° erreichen, dann sind Gewitter zu erwarten. Extreme Ereignisse sind dann wahrscheinlich, wenn die Temperaturdifferenz zwischen bodennaher Luftmasse (Boden, 850 hPa) vorderseitig der Konvergenz und Höhenluftmasse (500 hPa) rückseitig der Konvergenz sehr gross ist.

2.2. KLASSISCHE FRONTGEWITTER

Klassische Frontgewitter enstehen im Bereich der Höhenfrontalzone, also der Grenze zwischen Warmluft und Kaltluft.

2.2.1. Aktive Gewitterkaltfronten

LAGE: Ausgeprägtes Tiefdruckgebiet mit gut entwickeltem Warmsektor
(subtropische Luftmasse), starker Temperaturkontrast an der Kaltfront. Bevorzugt bei südwestlichem Verlauf der Höhenströmung. Bodennahe süd-südwestlicher, mit der Höhe auf SW-W drehender und sehr stark zunehmender Wind.
GEWITTERURSACHE:
Im Bereich der Kaltfront wird subtropische Luft in tiefen Schichten in den Bereich des Temperaturrückgangs in der Höhe advehiert, bzw. kalte Höhenluft schiebt sich über die warme Luft am Boden. Bevorzugt tritt dies in der Nähe des Okklusionspunktes (bei unokkludierten Tiefs Tiefkern) auf. NIE hochreichende Konvektion im Warmsektor !!
AUFTRETEN:
Bevorzugt von Juni bis September, aber auch in den anderen Monaten möglich, im Winter sind nur bei sehr aktiven Zyklonen Fälle bekannt. Am häufigsten im nördlichen und westlichen Mitteleuropa.
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Eher mild/warm, mit stärkeren frontalen Gegensätzen.
TROPOPAUSE:
In der Warmsektorluft hoch, 10 bis 15 km.
ART DER GEWITTER:
Liniengewitter, sehr schnellziehend. Niederschlag oft von kurzer Dauer, aber heftig, häufig Hagel, auch im Winter, im Sommer bis Walnussgrösse. Ausgeprägte Böenfronten mit starken Windstössen.
EXTREMFÄLLE:
Vor allem zerstörerische Orkanböen bei Frontdurchgang, auch kurze, aber sehr heftige Hagelschauer/Regengüsse. Tromben bei zusammenhängender Linie selten bis unbekannt, bei Übergangsformen zu Typ 2.2.2. im Bereich von isolierten Zellen an der Linie aber aufgetreten, dann bis F3/F4.
VORHERSAGE:
Die Gefahr solcher Gewitter besteht immer, wenn Höhentemperaturkontrast und Bodentemperaturkontrast an der nördlichen Kaltfront sehr nahe zusammenkommen,
dann vor allem bei hohen (850 hPa-) Temperaturen im Warmsektor. Kaltfronten dieses Typs haben oftmals KEINEN ausgeprägten zyklonalen Knick. Umso geringer die Labilität im Warmsektor, umso ausgeprägter muss die Front sein, im Winter oft nur bei Orkantiefs ausreichende Bedingungen erreichbar.

2.2.2. Labile Gewitterfronten

LAGE: Bis in tiefe Schichten durchgesetzte und in der Grundschicht gut erwärmte Warmluftmasse, relativ schwach ausgeprägte Kaltfront eines Warmsektortiefs herankommend. Bodennahe schwache bis mässige, meist südliche Winde, in der Höhe meist auf Südwest drehend und stark zunehmend.
GEWITTERURSACHE:
Subtropische Warmluft ist bereits potentiell labil, Grundschichtinversion verhindert Konvektion. Vor der Kaltfront leichter Temperaturrückgang in der Höhe (oder Advektion bodennah warmer Luft in den Abkühlungsbereich hinein), damit Abbau der Inversion, Labilität wird freigesetzt. Die aktive Zone kann sich bis in den Warmfrontbereich des Tiefs ausweiten, auch präfrontal im Warmsektor kann es zu isolierter Gewitterbildung kommen.
AUFTRETEN:
Von Mai bis September, überall.
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Sehr warm, in 850 hPa in der Warmluft 13 bis 20°, in 500 hPa -17 bis -10°.
TROPOPAUSE:
In der Warmluft sehr hoch, 13 bis 15 km.
ART DER GEWITTER:
Entlang der Front Ausbildung von kräftigen Gewitterzellen und Clustern, bei diesem Gewittertyp (vor allem bei subtropischer Warmluft) auch Superzellenbildung. Diese Fronten verursachen die heftigsten Gewitter, oft ergiebige Regengüsse, grösserer Hagel, zahlreiche Blitze, starke Gewitterböen.
EXTREMFÄLLE:
Superzellen mit grossem Hagel und sehr starken lokalen Windstössen, in Einzelfällen Tornados bis F4. Auch ohne Superzellen walnussgrosser Hagel, Überschwemmungen und starke Windstösse.
VORHERSAGE:
Bei dem unter Temperaturverhältnissen angegebenen Temperaturniveau sollte die Differenz zwischen 850 hPa- und 500 hPa-Temperatur in der Warmluft 30° erreichen. Ausserdem darf mit der Kaltluft keine bodennah sehr kühle Luft in den Warmluftbereich vorstossen, diese stabilisiert bevor es zur Konvektion kommen würde.

2.3. OKKLUSIONSGEWITTER

Okklusionsgewitter enstehen im Bereich von Okklusionsfronten bei labiler vorderseitiger Luftmasse.

LAGE: Bodennah gut durchgewärmte, warme Luftmasse vor meist schwacher Okklusionsfront (oft als Kaltfront analysiert, Warmsektor/Warmfront ist aber in diesem Fall nicht richtig ausgebildet) Wind bodennah schwach bis mässig, südlich oder östlich, in der Höhe auf Süd bis Südwest drehend, zunehmend.
GEWITTERURSACHE:
Konvergenz oder Höhenabkühlung an der Okklusion löst die schwach gedeckelte potentielle Labilität der vorderseitigen Luftmasse aus.
AUFTRETEN:
Von April bis August
TEMPERATURVERHÄLTNISSE:
Normal bis warm, vorderseitig in 850 hPa 5 bis 12°, in 500 hPa -23 bis -17°
TROPOPAUSE:
Mässig hoch, rund 11 km.
ART DER GEWITTER:
Vor oder an der Okklusionsfront enstehende, wegen der meist trockenen Vorderseitenluft und der eher schwachen Labilität der Warmluft eher harmlose Gewitter, kleiner Hagel tritt häufiger auf.
EXTREMFÄLLE:
Starke Regengüsse und Böen, kleiner Hagel
VORHERSAGE:
Differenz zwischen 850 hPa- und 500 hPa-Temperatur sollte in der Vorderseitenluft 30° erreichen.

-------------------------------------------------------------------------

Anteil der Enstehungstypen an der Gewittersumme, für Norddeutschland:

........Winter........Sommer
1.1.1...30%...........10%
1.1.2...00%...........05%
1.2.1...00%...........10%

2.1.1...65%...........15%
2.2.1...05%...........05%
2.2.2...00%...........30%
2.3.1...00%...........30%

Michael

Beiträge in diesem Thread

ALLGEMEIN: Enstehungstypen der Gewitter (lang) -- MH [Varel, Friesland, 11m+NN] -- 14. Mai 2001, 01:26 Uhr
Danke MH, lohnt sich zum Abspeichern! *oT* -- Andreas Lufling/Cham/Bayerischer Wald (500m) -- 14. Mai 2001, 06:22 Uhr
danke! fand ich auch toll !!!! *oT* -- chris aus kirchschlag -- 14. Mai 2001, 07:00 Uhr
sehr gute Zusammenstallung! *oT* -- W.v.J. -- 14. Mai 2001, 07:49 Uhr
noch anzumerken..... -- W.v.J. -- 14. Mai 2001, 07:58 Uhr
Re: Warum 54 km/h ??? -- Jan Hoffmann -- 14. Mai 2001, 11:19 Uhr
Re: Warum 54 km/h ??? -- W.v.J. -- 14. Mai 2001, 11:40 Uhr
Re: Warum 54 km/h ??? -- Jan Hoffmann -- 14. Mai 2001, 13:04 Uhr
Re: noch anzumerken..... -- Berlin Storm Chasers -- 14. Mai 2001, 13:21 Uhr
noch zu okklusionsgewittern. -- MH [Varel, Friesland, 11m+NN] -- 14. Mai 2001, 11:00 Uhr

[ Thread ansehen ] [ Zurück zum Index ] [ Vorheriger Beitrag ] [ Nächster Beitrag ]

Wetterzentrale Forum Archiv 2001 1. Halbjahr wird administriert von Georg Müller mit WebBBS 5.12.