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VERIFIKATION: Analyse zu Orkantief Kyrill (Achtung, groß)
Geschrieben von: Michel (Erzgebirge, 670m Höhe)
Datum: 9. Februar 2007, 20:52 Uhr
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Analyse des Orkans Kyrill (16.1.07-20.1.07) Orkan Kyrill war in weiten Teilen Deutschlands der schlimmste Orkan seit mind. 20 Jahren. Teilweise war er in einigen der betroffenen Regionen sogar ein geschichtsträchtiger Sturm. So wurde beispielsweise in Nordrhein-Westfalen der schlimmste Forstschaden durch einen einzelnen Sturm angerichtet, der so dort jemals beobachtet wurde. Doch was war das Besondere an diesem Sturm? Der Orkan entwickelte sich am 16. Januar an der Ostküste der USA über dem freien Atlantik und verstärkte sich bis zum 17. Januar bereits zu einem Sturmtief. Aufgrund des sehr ausgeprägten Jetstreams wurde das gesamte System sehr rasch über den Atlantik Richtung Europa transportiert, wobei sich das Tief immer weiter vertiefte. Am Morgen des 18. Januar erreichte der Kern von Kyrill die britischen Inseln, wobei der Kerndruck nun bei 966 hPa lag (Minimum lag später bei 961 hPa). Der damit verbundene Druckgradient führte zur Entstehung eines gewaltigen Orkanfeldes südlich des Kerns, welches in Großbritannien bereits schwere Schäden anrichtete. Dieses gewaltige und besonders große Orkanfeld wird sehr gut durch folgende Animation des amerikanischen Wettermodells GFS deutlich, welches diesen Orkan sehr gut und genau vorhersagen konnte.
Die Warmfront erreichte in diesen Stunden auch Westdeutschland. Im Bereich dieser Warmfront regnete es äußerst ergiebig. Teilweise fielen in Westdeutschland, besonders in Niedersachsen und Nordrheinwestfalen, zwischen 30-50 Liter in 24 h. Die Warmfront schwächelte Richtung Osten etwas, sodass dort die Niederschlagsmengen deutlich niedriger ausfielen. So wurden im Westerzgebirge teilweise nur 5 Liter bis zum Abend gemessen. Mit Passage der Warmfront, welche auch zu einem deutlichen Temperaturanstieg bis 15 °C in der Bundesrepublik führte, nahm auch der Wind rasch zu. Ab Mittag gab es in Deutschland die ersten orkanartigen Böen, welche sich rasch in den Orkanbereich steigerten. Im Warmsektor kamen die Böen übrigens aus Südwesten.
Ab 14 Uhr gab es in Sachsen bereits die ersten orkanartigen Böen auch im Flachland. Schon wenige Stunden später, gegen 16 Uhr, hatten diese sich in den Orkanbereich gesteigert. Bereits im stabilen Warmsektor erreichten die Höhenwinde in 850 hPa (1500 m) bis zu 90 kn. Diese werden durch die stabil geschichtete Atmosphäre jedoch eigentlich nicht vollständig heruntergemischt, doch gerade in den bergigen Regionen sowie den Bereichen darum herum wird die Luftschicht teils föhnbedingt destabilisiert. Dadurch gab es beispielsweise im Erzgebirge sowie in Sachsen und Thüringen im Warmsektor schon zahlreiche Orkanböen. Diese steigerten sich bis 20 Uhr. Dann erreichten die Böen im sächsischen und thüringischen Flachland verbreitet 120-140 km/h. In den Bergregionen ab 600 m wurden verbreitet extreme Orkanböen von 140-180 km/h erreicht, in den Gipfellagen des Erzgebirges sogar über 180 km/h. Wie man beim Vergleich mit den insgesamt gemessenen Spitzenböen erkennt, wurden in Sachsen sowie auch in Thüringen bereits im Warmsektor die extremen Maximalböen erreicht. Mit der Kaltfront, welche rückseitig Richtung Südosten zog, wurden auch in allen restlichen, orographisch bisher ungünstigen Gebieten extreme Orkanböen aus dem 850er Niveau heruntergemischt. Zudem organisierte sich die Kaltfront zunehmend, vor allem in Ostdeutschland gab es Bowstrukturen und teils heftige Gewitter, deren hohe Blitzaktivität schon fast an schwere Sommergewitter erinnerte. Durch eine zudem extreme Windscherrung traten mehrere Tornados im Bereich dieser entstandenen Squallline auf. Ein besonders starker F3-Tornado verwüstete dabei Teile der Lutherstadt Wittenberg in Sachsen-Anhalt. Daneben gab es teilweise Hagel und extremen Platzregen. Unter diesem Textabschnitt ist die Niederschlagsanimation zu sehen, welche die Warmfront-Passage von Kyrill sowie die nachrückende Kaltfront verdeutlicht. Das besondere an der Kaltfront waren teilweise auch extrem hohe Mittelwinde von Bft 11. und Bft 12 im einminütigen Mittel. Nach Durchzug der Kaltfront gab es eine trügerische, kurzzeitige Beruhigung, wobei der Wind mit der Kaltfrontpassage von SW auf W drehte, anschließend sogar auf NW. Der Trog, der nun hereinschwenkte, führte aber vor allem in den mittleren und nördlichen Gebieten der Bundesrepublik zu einem erneuten Aufleben des Orkans. Dieser Trogorkan in labiler Luft führte nun auch im Tiefland nochmals verbreitet zu Orkanböen. So wurden nun auch die 146 km/h in Berlin-Adlershof gemessen. Vor allem in Brandenburg, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt gab es nun noch einige neue Spitzenböen. In Sachsen erreichten diese Orkanböen jedoch meist nicht mehr ganz die Intensität von den Böen aus dem Warmsektor und der Kaltfront. Die volle Wucht des Orkans entlud sich vor allem in NRW, Niedersachsen, Sachen-Anhalt, Thüringen, Sachsen und Brandenburg sowie Nordbayern. Dort wurden teilweise ganze Waldstücke vom Orkan niedergewälzt. Sowohl der Warmsektor als auch die Kaltfront und der Trog führten verbreitet zu Orkanböen von teilweise über 140 km/h, auch im Flachland. Etwas weniger schlimm war die Lage in Baden-Würthemberg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Dennoch wurden durch das extrem ausgeprägte, sehr große Orkanfeld, welches über Deutschland auf einem Druckgradienten von ca. 50 hPa beruhte, in allen Landesteilen verbreitet orkanartige Böen und Orkanböen gemessen. Die verursachten Schäden liegen allein in Deutschland bei mindestens 2 Milliarden Euro. Neben Großbritannien wütete der Orkan vor allem in den deutschen Nachbarländern, vor allem in Belgien, Holland, Polen und Tschechien mit aller Härte. In Nord-Tschechien gab es die größten Sturmwürfe, die jemals durch einen Orkan verursacht wurden. Europaweit belaufen sich die Schäden auf 6-8 Milliarden Euro. Mindestens 40 Millionen Kubikmeter Holz wurden dabei gefällt, allein in Deutschland waren es mind. 25 Millionen Kubikmeter. Besonders betroffen waren vor allem auch die Regionen, in welchen es zuvor massiv geregnet hatte. Durch die Bodenaufweichung konnte der Sturm noch größere Schäden verursachen. So waren es beispielsweise in NRW allein schon mind. 10-12 Millionen Festmeter Sturmholz und ganze Wälder wurden zerstört. Aber auch in den diesertags "trockenen" Regionen, wie dem West-Erzgebirge, reichten die extremen Orkanböen allein schon für Flächenwürfe aus. Die höchste, europaweite Windgeschwindigkeit wurde in der Schweizer Aletschregion mit 225 km/h gemessen.
Es zeigt sich, dass Orkan Kyrill ein außerordentliches Ereignis war, welches sich so mit in die historischen Orkanereignisse in Deutschland einreiht. Durch diesen Orkan starben in Europa mind. 43 Menschen, davon 13 in Deutschland. Einige ausgewählte Spitzenböen in Deutschland durch Orkan Kyrill (>118 km/h) 202: Wendelstein (Bayern) 1832m 198: Brocken (Sachsen-Anhalt) 1142m 184: Fichtelberg (Sachsen) 1213m 183: Zugspitze (Bayern) 2960m 172: Wasserkuppe (Hessen) 921m 169: Grosser Arber (Bayern) 1437m 165: Feldberg/Schwarzwald (Baden-W.) 1486m 163: Hochwald (Sachsen) 749m 161: Hohenpeissenberg (Bayern) 977m 161: Weinbiet (Rheinland-Pfalz) 553m 154: Hiddensee-Dornbusch (Mecklenburg-Vorpommern) 72m 150: Eppendorf/Sachsen (Sachsen) 450m 148: Bad Liebenwerda (Brandenburg) 88m 146: Berlin-Adlershof (Berlin) 40m 144: Altenberg/Erzgebirge (Sachsen) 750m 144: Artern (Sachsen-Anhalt) 164m 144: Duesseldorf (Nordrhein-Westfalen) 45m 143: Helgoland-Oberland (Schleswig-Holstein) 53m 141: Borkum (Niedersachsen) 10m 141: Kiel/Leuchtturm (Schleswig-Holstein) 5m 141: Schleiz (Thüringen) 501m 137: Ansbach (Bayern) 490m 137: Chieming (Bayern) 549m 137: Schmücke (Thüringen) 937m 137: Wernigerode (Sachsen-Anhalt) 234m 137: Zinnwald-Georgenfeld (Sachsen) 877m 133: Chemnitz (Sachsen) 418m 133: Flensburg (Schleswig-Holstein) 27m 131: Berlin-Wannsee (Berlin) 32m 131: Elstra (Sachsen) 230m 131: Oberhof (Thüringen) 780m 131: Torgau (Sachsen) 85m 131: Winterberg (Hochsauerland) (Nordrhein-Westfalen) 688m 130: Carlsfeld (Sachsen) 898m 130: Kabelsketal (Sachsen-Anhalt) 142m 130: Köln/Bonn-Flughafen (Nordrhein-Westfalen) 91m 128: Regensburg (Bayern) 406m 126: Berlin-Dahlem (Berlin) 51m 126: Cottbus (Brandenburg) 69m 126: LT Alte Weser (Niedersachsen) 32m 126: Osnabrueck (Niedersachsen) 95m 124: Coswig (Sachsen) 104m 124: Ehrenfriedersdorf (Sachsen) 600m 124: Hartha (Tharandt) (Sachsen) 353m 122: Berlin-Tempelhof (Berlin) 50m 122: Dresden-Flughafen (Sachsen) 230m 122: Giessen (Hessen) 205m 122: Görlitz (Sachsen) 237m 122: Münster (Nordrhein-Westfalen) 62m 122: Warnemuende (Mecklenburg-Vorpommern) 4m 122: Wuerzburg (Bayern) 268m 119: Berlin-Tegel (Berlin) 37m 119: Karlsruhe (Baden-W.) 116m 119: Lichtenhain-Mittelndorf (Sachsen) 300m 119: Usedom (Stadt) (Mecklenburg-Vorpommern) 3m 119: Weimar(Thüringen) 264m Folgend noch eine separate Betrachtung des Bundeslandes Sachsen. Auf folgenden Abbildungen wird einerseits die Böenverteilung (mit Messbeispielen) als auch der angerichtete Forstschaden verdeutlicht. Dabei wurden die Schadholzmengen nicht auf die Forstreviere, sondern zur besseren Orientierung auf die Landkreise bezogen. Als Rohdaten wurden dabei einerseits die maximalen Windgeschwindigkeiten als auch die Informationskarten des sächischen Fortsamtes zugrunde gelegt sowie natürlich eigene Beobachtungen.
Gerade an der Skizze mit den Schadholzmengen wird deutlich, dass vor allem die Erzgebirgskreise hart getroffen wurden. Dort wurden speziell in den Kammlagen und an exponierten Süd-/ Südwesthängen schwere Forstschäden von T3, teils T4, verursacht (gebietsweise Flächenschäden). Die typischen Nordosthänge kamen mit meist "nur" T1-Schäden noch recht glimpflich davon. Schwer getroffen wurden aber auch die Wälder im flacheren Erzgebirgsvorland. Auch hier sind teils ganze Wälder zerstört wurden, beispielsweise im Bereich des Freiberger Staatswaldes. In Sachsen hat Kyrill die schlimmsten Forstschäden seit mind. 50 Jahren verursacht. Die Schätzungen sprechen dort von 1,5 Millionen Kubikmetern Bruchholz. Hätte es wie in NRW oder in Teilen des Thüringer Waldes noch längere Zeit stark geregnet, wären die Schäden sicherlich noch bedeutend höher ausgefallen. Was zu guter letzt noch einem Lob bedarf, sind die sehr guten und frühzeitigen Warnungen des Deutschen Wetterdienstes und der Unwetterzentrale. In ganz Deutschland gab es eine Unwetterwarnung vor orkanartigen Böen oder Orkanböen, in den Lagen oberhalb von 400-600 m eine Unwetterwarnung vor extremen Orkan über 140 km/h. Beim Vergleich mit den tatsächlichen Böen-Werten und den verursachten Schäden waren diese Warnungen auf jeden Fall gerechtfertigt und der damaligen Situation sehr gut nachempfunden wurden.
Alles in allem, also diese Analyse und alle Bilder- ,Schadens- und Chasingberichte zu Orkan Kyrill im Erzgebirge findet ihr unter:
Nochmals vielen Dank an die Wetterzentrale und an Wetteronline für das zur Verfügung stellen von Karten und Daten. Ich habe auch noch einige google-Karten angefertigt, wo die enormen Schadensgebiete von Johanngeorgenstadt eingezeichnet sind, allerdings weiß ich nicht, ob ich diese Karten überhaupt publizieren darf (google maps)?! Daher habe ich diese erstmal zurückgehalten. Viele Grüße
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