DWD Synoptische Übersicht Mittelfrist

21-11-2017 23:00
S Y N O P T I S C H E Ü B E R S I C H T M I T T E L F R I S T
ausgegeben am Dienstag, den 21.11.2017 um 10.30 UTC



Zum Wochenende nach Kaltfrontpassage wieder kälter, dabei unbeständig mit
Niederschlägen, die im Bergland durchweg in Schnee übergehen. Zeitweise windig,
in höheren Lagen und an der See auch stürmisch.
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Synoptische Entwicklung bis zum Dienstag, den 28.11.2017


Zu Beginn des mittelfristigen Prognosezeitraums am kommenden Freitag thront eine
"fette Acrylschallplatte" (seriöser wäre sicherlich, von einem veritablen Sturm-
bzw. Orkantief zu sprechen, aber die enge, quasi-konzentrische Isobarenführung
erinnert halt markant an die schwarzen Scheiben von früher) über der
Norwegischen See. Der Kerndruck liegt am Mittag nahe 965 hPa, während bei uns -
also auf der anfangs noch milden Südflanke des Tiefs (T850 0 bis 9°C) - bei
aufgelockertem Gradienten Druckwerte zwischen 1005 und 1015 hPa simuliert
werden. Dabei befindet sich in Küstennähe eine schleifende respektive zur
Wellenbildung neigende Kaltfront, die, angetrieben von einem allmählich von
UK/Irland gen Kontinent heranschwenkenden kurzwelligen Potenzialtrog, langsam
landeinwärts vorankommt. Zum Tagesende befindet sie sich diagonal von SW nach NO
exponiert mitten über Deutschland.

Am Samstag wird ihr Voranschreiten nach Südosten kurzzeitig noch mal etwas
gebremst, weil sich tatsächlich ein Wellentief bildet, das um 12 UTC aber
bereits über Tschechien liegen soll, von wo aus es rasch in Richtung baltische
Staaten zieht. So steht im weiteren Verlauf dem Zustrom maritimer Polarluft bis
hinunter zu den Alpen nichts mehr im Wege, zumal auch o.e. KW-Trog sich bis
Mitteleuropa vorarbeitet. Um 24 UTC ist Deutschland komplett mit hochreichend
maritimer Kaltluft geflutet (T850 -4 bis -7°C, T500 teils unter -35°C), was die
Schneefallgrenze z.T. bis in die tiefe Lagen sinken lässt.

Am Sonntag setzt sich die Austrogung über Mitteleuropa unter langsamer
Verlagerung der Trogachse nach Osten fort. Die Zufuhr kalter Meeresluft von
Westen bzw. Nordwesten dauert an, auch wenn die Temperatur mit leichtem
Rückdrehen der lebhaften Grundströmung schon wieder etwas ansteigt. Als
treibende Kraft fungieren das unter merklicher Abschwächung mittlerweile bis
nach Südnorwegen vorangekommene Sturmtief auf der einen und eine umfangreiche,
von Neufundland bis nach Südwesteuropa reichende Hochdruckzone auf der anderen
Seite.
WLA und ein von der Nordsee heranschwenkender Sekundärtrog lassen im Norden bis
etwa an den nördlichen Mittelgebirgsrand schauerartige Niederschläge aufkommen,
die in tiefen Lagen aufgrund guter Durchmischung wahrscheinlich überwiegend als
Regen, im Bergland als Schnee fällt. Wo genau die Grenze liegen wird und ob
nicht auch in tiefen Lagen zumindest zeitweise mal die Misch- oder Schneephase
auftritt, hängt von heute noch nicht absehbaren Details ab. Auf alle Fälle
deutet sich aber an, dass die Schaueraktivität nach Süden grundsätzlich eher
limitiert ist.

Zu Wochenbeginn zieht der Höhentrog nach Osten ab, gleichzeitig setzt westlich
von uns eine neue Austrogung an. Impulsgeber ist ein markanter KW-Trog, der
unter Intensivierung von der Irminger See gen UK/Irland steuert. Seine
Längsachse dreht sich dabei gegen den Uhrzeigersinn und weist am Dienstag 00 UTC
eine SW-NO-Exposition auf. Auf der Trogvorderseite sowie vorderseitig der
korrespondierenden Bodentiefdruckzone dreht die Strömung über dem Vorhersageraum
weiter zurück auf Südwest, was mit einem gesamttroposphärischen
Temperaturanstieg einhergeht. Viel milder wird es aber nicht werden, verbleibt
doch die 850-hPa-Temperatur im leicht negativen Bereich.

Bereits am Dienstag greifen Höhentrog (unter kräftiger Amplifizierung) und
Bodentiefdruckzone auf Deutschland, was in der Folge (erweiterte Mittelfrist)
unbeständiges und nasskaltes Wetter zur Folge hätte.
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Bewertung der Konsistenz des operationellen Laufs


Bezogen auf die Basisfelder zeigt das IFS von ECMF eine recht gute Konsistenz.
Oder mit anderen Worten, die aktuell eingeleitete Mildphase geht im Laufe des
kommenden Wochenendes wieder zu Ende, was auch von den jüngsten Vorgängern des
aktuellen Modelllaufs so gesehen wurde. Hinsichtlich des Timings der von Freitag
auf Samstag durchschwenkenden Kaltfront legt die heutige 00-UTC-Version nun ein
etwas flotteres Tempo vor. Wahrscheinlich ist diesbezüglich aber das letzte Wort
noch nicht gesprochen. Auf Basis der vorliegenden Modellkonsistenz besteht
jedenfalls kein Anlass, das gestrige Vorhersagekonzept signifikant zu ändern.

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Vergleich mit anderen globalen Modellen


Hinsichtlich der kurzfristig bevorstehenden Milderung und der am Wochenende
bereits wieder erfolgenden Abkühlung sind sich die etablierten Globalmodelle
einig. Schwierigkeiten bereiten der Numerik offensichtlich die sich an der
Kaltfront bildende Welle respektive das Wellentief, das jeweils anders
positioniert wird. Nimmt man mal als Referenzzeitpunkt Samstagmittag 12 UTC, so
bieten die Modelle folgende Positionen an:

IFS: Tschechien
ICON: südöstliche Ostsee (=> etwas langsamere KF-Passage; zudem Tendenz zu einer
weiteren Welle über Mittel-/Süddeutschland))
GFS: Doggerbank (westliche Nordsee) (=> noch langsamere KF-Passage, dafür im
Norden substanzielle Sturmlage bis hin zu Orkanböen!)
GEM: Ostschweden (=> etwas schnellere KF-Passage).

An der Grundaussage ändern die Unterschiede nichts, bis Sonntag hat sich die
maritime Kaltluft durchgesetzt.

Im weiteren Verlauf der Woche simuliert GEM ein dem IFS sehr ähnliches Szenario,
während GFS anfangs auf Zwischenhocheinfluss, dann auf mildere Trog- bzw.
Tiefvorderseite setzt.

FAZIT: Der Trend für das Wochenende steht trotz erwähnter Detailunterschiede.
Der Trend für die kommende Woche hingegen lässt noch einige Fragen offen.
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Bewertung der Ensemblevorhersagen


Die ECMF-EPS-Rauchfahnen verschiedener deutscher Städte zeigen insbesondere bei
der Temperatur in 850 hPa bis zum Ende einen eng gebündelten Verlauf. Dabei wird
sehr gut der oben beschriebene Ablauf abgebildet. Demzufolge liegt der Höhepunkt
der Mildphase im Norden schon am Donnerstag, im Süden am Freitag. Danach erfolgt
die deutliche Abkühlung, wobei die Streuung vorübergehend etwas zunimmt -
ebenfalls ein Zeichen dafür, dass das Timing noch ein paar Unschärfen aufweist.
In der kommenden Woche pendeln sich die Temperaturen zwischen 0 und -7°C ein,
was bei gleichzeitig auftretenden Niederschlagspeaks gegen die von GFS
favorisierte Version spricht.
Die GFS-EPS-Rauchfahnen haben große Ähnlichkeit mit den EPS-Kurven von ECMF,
gleichwohl fallen zwei Unterschiede ins Auge. Zum einen erfolgt die KF-Passage
auch im Ensemble (zumindest bei den meisten Lösungen) etwas später als bei IFS.
Zum anderen ist die Temperaturstreuung in der kommenden Woche größer mit recht
vielen "kalten" Lösungen a la ECMF-EPS.

Für den Zeitraum T+120...168h (Sonntag bis Dienstag) liegen drei Cluster vor (23
Fälle plus HL/KL, 14, 14), die sich nur wenig unterscheiden. In CL 1 und 2
deutet sich von Montag zu Dienstag schwacher Zwischenhocheinfluss an (leichtes
Aufwölben der Potenzialströmung), während in CL 3 die Regeneration des
Höhentroges direkter erfolgt. Auch für Mittwoch bis Freitag (T+192...240h) liegen
drei Cluster im Portfolio (18, 17 plus HL/KL, 16), die alle - wenn auch mit
unterschiedlichem Timing und jeweils etwas anderer Potenzialgeometrie - in
Richtung TrM (Trog Mitteleuropa) und somit nasskaltes Wetter tendieren.

FAZIT: Der Kurs Richtung Wochenende passt, auch wenn die Ensembles die zuvor
angesprochenen Detailprobleme auch nicht zufriedenstellend lösen können. Im
Verlaufe der nächsten Woche spricht Vieles für unbeständiges und nasskaltes
Wetter.
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Wahrscheinlichkeiten für signifikante Wettererscheinungen


Quasi für den gesamten mittelfristigen Prognosezeitraum liegen Hinweise vor,
dass es in höheren Lagen und an der Küste (Nordsee eher als Ostsee) immer wieder
zu stürmischen Böen oder Sturmböen zunächst aus Südwesten, am Wochenende dann
zunehmend aus Westen bis Nordwesten kommt. Zwar sind die Signale der
EPS-Verfahren nicht erdrückend, trotzdem ist Vorsicht geboten. Die Unterschiede
bei der o.e. Wellentiefentwicklung sind groß, und die GFS-Lösung zeigt, welches
Potenzial vorhanden ist (Sturmlage mit Orkanböen an der Küste). Ob es letztlich
auch abgerufen wird, kann heute noch nicht beantwortet, keinesfalls aber
kategorisch negiert werden.

Beim Niederschlag sind die prognostischen Hinweise noch dünner als beim Wind,
allerdings gilt auch hier Ähnliches. Je nach genauem Ablauf kann es mal mehr,
mal weniger Niederschlag geben, wobei am Wochenende zunehmend die feste Phase
ins Spiel kommt.
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Basis für Mittelfristvorhersage
ECMF-EPS, ECMF-MOS.
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VBZ Offenbach / Dipl. Met. Jens Hoffmann